|
Jesu Spuren
in mir
„Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (Ex 33,20) - eine
niederschmetternde Antwort für Mose, der allzu gern Gott gesehen hätte. Wer
von uns möchte das nicht? Nicht mehr glauben müssen, sondern eine Gewissheit
haben.
„Wer mich gesehen hat, hat
den Vater gesehen,“
sagt Jesus (Joh 14,9). Jesus sehen heißt den Vater sehen. Glückliche
Zeitgenossen Jesu. Seitdem haben viele Künstler versucht, das Antlitz Jesu
darzustellen, in den Gesichtszügen einzufangen, was sie von diesem Jesus,
was sie von Gott glaubten. So wie der Künstler, der vor 700 Jahren das
Fresko schuf, das im Querhaus des Münsters seitdem zu sehen ist und das im
Mittelpunkt unseres Fastentuches stand.
Sechs Wochen lang haben wir
dieses Bild gesehen und je öfter man hinschaute, je mehr enthüllte es immer
wieder etwas Neues: wir sehen ein unendlich sanftes menschliches Gesicht,
vor allem Augen, die bis in die Tiefe unseres Herzens schauen.
Keine angsteinflößenden
Augen, sondern voll liebender Sorge. Es sind die Augen Gottes, die uns an
den geheimsten Orten sehen und uns mit göttlicher Gnade lieben.
Das ganze Gesicht ist eine
Kombination von Sanftheit und gleichzeitiger Entschiedenheit, von Güte und
Strenge zugleich.
Auch die Farben harmonieren.
Der Fotograf hat mit seiner hoch empfindlichen Kamera Details sichtbar
gemacht, die bei der Betrachtung des Originals kaum zu sehen sind: gewiss
man sieht auch die Beschädigungen, die 700 Jahre sind nicht spurlos
vorübergegangen, aber die Struktur eines Tuches ist zu erkennen, das Gesicht
hebt sich deutlich ab.
Es stellt das Schweißtuch der
Veronika dar. Eine Frau namens Veronika soll Jesus auf dem Kreuzweg ein Tuch
gereicht haben, mit dem er sich den blutigen Schweiß abwischen konnte. Zum
Dank habe er sein Abbild in dem Tuch zurückgelassen.
Wie alle Legenden enthält
auch sie einen wahren Kern. Wenn ich einem Menschen beistehe, bleibt immer
etwas von ihm in mir zurück.
„Veronika sieht zunächst nur
ein geschundenes, vom Schmerz gezeichnetes Menschengesicht. Aber der Akt der
Liebe prägt ihrem Herzen das wahre Bild Jesu ein: Im „Haupt voll Blut und
Wunden“ sieht sie das Gesicht Gottes und seiner Güte, die uns in die
tiefsten Schmerzen nachgeht.“ (J. Ratzinger 2005)
Jesu Antlitz spiegelt sich
wieder in dem Angesicht jedes gedemütigten und beleidigten, kranken und
leidenden, einsamen, verlassenen und verachteten, missbrauchten und
misshandelten Menschen: „Was ihr dem Geringsten getan, das habt Ihr mir
getan“.
Ihnen beizustehen, bei ihnen
auszuhalten, heißt: dass nicht nur ihr Angesicht, sondern Jesu Antlitz in
mir zurückbleibt. Sich tief einprägt. Jeder Leidende, dem ich mich zuwende,
hinterlässt Jesu Spuren in mir.
Deshalb werden wir gleich das
Kreuz vom Fastentuch her in die Gemeinde tragen. Es gibt keine bessere
Konkretion, keine bessere Zusammenfassung all‘ dessen, was wir in dieser
Fastenzeit miteinander bedacht haben.
Wir sehen das Kreuz! Wir
können Gott sehen und trotzdem am Leben bleiben! Oder: gerade deshalb am
Leben bleiben!
|