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02.04.2010

Fastenpredigt

von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

am Karfreitag im Bonner Münster

Jesu Spuren in mir

 
Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (Ex 33,20) - eine niederschmetternde Antwort für Mose, der allzu gern Gott gesehen hätte. Wer von uns möchte das nicht? Nicht mehr glauben müssen, sondern eine Gewissheit haben.

 

„Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen,“ sagt Jesus (Joh 14,9). Jesus sehen heißt den Vater sehen. Glückliche Zeitgenossen Jesu. Seitdem haben viele Künstler versucht, das Antlitz Jesu darzustellen, in den Gesichtszügen einzufangen, was sie von diesem Jesus, was sie von Gott glaubten. So wie der Künstler, der vor 700 Jahren das Fresko schuf, das im Querhaus des Münsters seitdem zu sehen ist und das im Mittelpunkt unseres Fastentuches stand.

 

Sechs Wochen lang haben wir dieses Bild gesehen und je öfter man hinschaute, je mehr enthüllte es immer wieder etwas Neues: wir sehen ein unendlich sanftes menschliches Gesicht, vor allem Augen, die bis in die Tiefe unseres Herzens schauen.

 

Keine angsteinflößenden Augen, sondern voll liebender Sorge. Es sind die Augen Gottes, die uns an den geheimsten Orten sehen und uns mit göttlicher Gnade lieben.

 

Das ganze Gesicht ist eine Kombination von Sanftheit und gleichzeitiger Entschiedenheit, von Güte und Strenge zugleich.

 

Auch die Farben harmonieren. Der Fotograf hat mit seiner hoch empfindlichen Kamera Details sichtbar gemacht, die bei der Betrachtung des Originals kaum zu sehen sind: gewiss man sieht auch die Beschädigungen, die 700 Jahre sind nicht spurlos vorübergegangen, aber die Struktur eines Tuches ist zu erkennen, das Gesicht hebt sich deutlich ab.

 

Es stellt das Schweißtuch der Veronika dar. Eine Frau namens Veronika soll Jesus auf dem Kreuzweg ein Tuch gereicht haben, mit dem er sich den blutigen Schweiß abwischen konnte. Zum Dank habe er sein Abbild in dem Tuch zurückgelassen.

Wie alle Legenden enthält auch sie einen wahren Kern. Wenn ich einem Menschen beistehe, bleibt immer etwas von ihm in mir zurück.

 

„Veronika sieht zunächst nur ein geschundenes, vom Schmerz gezeichnetes Menschengesicht. Aber der Akt der Liebe prägt ihrem Herzen das wahre Bild Jesu ein: Im „Haupt voll Blut und Wunden“ sieht sie das Gesicht Gottes und seiner Güte, die uns in die tiefsten Schmerzen nachgeht.“ (J. Ratzinger 2005)

 

Jesu Antlitz spiegelt sich wieder in dem Angesicht jedes gedemütigten und beleidigten, kranken und leidenden, einsamen, verlassenen und verachteten, missbrauchten und misshandelten Menschen: „Was ihr dem Geringsten getan, das habt Ihr mir getan“.

Ihnen beizustehen, bei ihnen auszuhalten, heißt: dass nicht nur ihr Angesicht, sondern Jesu Antlitz in mir zurückbleibt. Sich tief einprägt. Jeder Leidende, dem ich mich zuwende, hinterlässt Jesu Spuren in mir.

Deshalb werden wir gleich das Kreuz vom Fastentuch her in die Gemeinde tragen. Es gibt keine bessere Konkretion, keine bessere Zusammenfassung all‘ dessen, was wir in dieser Fastenzeit miteinander bedacht haben.

Wir sehen das Kreuz! Wir können Gott sehen und trotzdem am Leben bleiben! Oder: gerade deshalb am Leben bleiben!

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