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01.04.2010

Fastenpredigt

von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

am Gründonnerstag im Bonner Münster

Gott steigt hinab in das Leid

 

„Genug ist genug. Der 'liebe' Gott verkündet seinen Abschied“, so schrieb heute jemand als Kommentar in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es ist das Entsetzen der Menschen, ihre blanke Wut angesichts der täglich neuen Schlagzeilen über sexuellen Missbrauch und körperliche Misshandlung in der Kirche. 20% der Deutschen erwägen nach einer Umfrage den Austritt aus der Kirche. Das ist nicht mehr meine Kirche! sagen sie.

 

Es tut mir leid, ich kann Sie auch am Gründonnerstag nicht mit diesem Thema verschonen. Gewiss, wir haben immer von der Kirche der Sünder gesprochen, und keiner in dieser Kirche kann sich selbst von Sünden frei sprechen. Aber plötzlich sehen wir, wie unser moralischer Anspruch und die Realität des Handelns von immer mehr Amtsträgern in einer Weise auseinander klaffen wie ich, wie es sich viele nicht vorstellen konnten.

Natürlich gibt es auch die vielen Tausend Ordensleute, Diakone, Priester und Bischöfe, die treu ihren Dienst tun, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen, aber dies alles verblasst im grellen Licht der Taten der anderen, die jetzt an die Öffentlichkeit kommen.

 

Sehr ehrlich hat heute Kardinal Lehmann eingestanden, dass die Kirche im Einklang mit der Wissenschaft das Problem der Pädophilie unterschätzt und damit auch die Fähigkeit von Tätern zur Umkehr und zur Heilung lange Zeit überschätzt habe: „Im guten Glauben haben wir uns oft auf den erklärten guten Willen verlassen. Deshalb kam es auch zu den falschen und schon seit längerer Zeit gewiss unverzeihlichen Praktiken, einen überführten und manchmal auch rechtskräftig verurteilten Täter einfach an eine andere Stelle zu versetzen,“ sagte er.

 

Lehmann bezeichnete es als „tragisch“, dass die Lehre der Kirche zwar nie einen Zweifel daran geduldet habe, dass jede Form von sexuellem Missbrauch grundlegend verwerflich sei, „die Verantwortlichen in der Kirche im eigenen Umfeld in manchen Fällen aber doch nicht mit der letzten Akribie und Unabhängigkeit lückenlose und unbestechliche Aufklärung betrieben haben“, auch deshalb weil man die Institution Kirche, und gerade auch Amtspersonen, unter allen Umständen vor einem Makel zu bewahren“ wollte.

 

Diese Ehrlichkeit kann gut tun – besonders denen, die in dieser schweren Zeit aushalten, die mit den Opfern leiden, die von jeder neuen Nachricht erschüttert werden.

 

Ich habe den Eindruck, als habe sich ein großer Grauschleier über die Kirche gelegt – und damit unterscheidet sich diese Stunde gar nicht so sehr von der Stimmung im Abendmahlssaal in Jerusalem.

 

Die Schwermut der kommenden Stunden liegt auch über diesem Abendmahl. Es ist nicht die ausgelassene Freude eines Pessach-Mahles, in dem man mit Liedern die Befreiung aus Ägypten feiert, sondern es ist eine Stunde des Abschieds.

„Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen,“ sagt der Evangelist Johannes und später spricht der Herr: „Einer von euch wird mich verraten.“

 

Auch hier blankes Entsetzen, Ratlosigkeit, hilflose Schwüre. Mitten hinein in diese Situation stiftet der Jesus dieses Mahl, mit dem sein Tod und seine Auferstehung verkündigt werden bis er wiederkommt! Das Mahl, in dem er auf geheimnisvolle Weise selbst anwesend ist, als Gastgeber und Speise zugleich.

 

Sein Leiden und sein Tod sind gegenwärtig in diesem Mahl und damit auch das Leiden aller Menschen, denn ihnen ist er zum Bruder geworden, wie er selbst gesagt hat. Deshalb stehen bei der Feier der Eucharistie die Kirchentüren immer offen, selbst wenn sie geschlossen sind. Es gibt nicht wir die Frommen hier drinnen und draußen die anderen. Die Zeiten der moralischen Entrüstung, mit denen die „braven Katholiken“ oft denen da draußen begegnet ist, sind vorbei. Das Böse ist auch hier drinnen. Es gibt nur diese eine dem todverfallene Welt.

 

Sie sitzt heute mit am Tisch. Die ganze Fastenzeit über hatten wir 12 Situationen des Leidens von Menschen stellvertretend für alles Leid auf unserem Fastentuch vor Augen. Sie sitzen heute alle mit uns am Tisch! Auch die, deren Leid wir zwar beschreiben, aber das uns nicht zu nahe kommen darf, weil wir Angst haben, dass es Spuren hinterlässt.

 

Das ist das Geheimnis der Eucharistie: sie alle sind eingeladen. „Kommt her, kommt her, die ihr Lasten tragt, nicht zu hoffen wagt!“, haben wir am Anfang gesungen. Sie sind keine lästigen Gäste, sondern der „Reichtum der Kirche“, wie es einmal der Hl. Laurentius formuliert hat. Als Tischgenossen nehmen sie uns in die Pflicht. Wir können nicht miteinander Mahl halten und anschließend auseinander gehen als wenn nichts gewesen wäre. Die Liturgie und die Diakonie gehören zusammen, der Gottesdienst und die Sorge um die Leidenden sind eins.

Mutter Teresa meint: Keiner darf so aus der Kirche herausgehen, wie er hineingegangen ist. Brot und Wein wandeln sich in Leib und Blut Christi. Er wird uns in die Hand gegeben. Und dann haben wir es in der Hand, dass wir uns durch ihn in seinem Sinne wandeln lassen und dass durch uns die Welt gewandelt wird.

 

In Jerusalem gibt es eine Treppe, die vom Zionsberg hinunter führt ins Kidrontal. Die Tradition erzählt, Jesus habe diesen Weg nach dem Abendmahl genommen. Hinunter und hinüber in den Garten Gethsemani. Dieser Abstieg ist für mich mehr als nur eine geografische Beschreibung. Er ist für mich ein Zeichen dessen, was geschieht: Jesus steigt hinab zu den Leidenden, zu denen ganz unten, zu den Zerschlagenen und Zertretenen, zu den Hoffnungslosen und Resignierten, zu den Enttäuschten und von Schmerzen Geplagten.

 

Ich bin fest davon überzeugt: der liebe Gott verkündet nicht seinen Abschied. Er steigt hinab in das Leid. Die Frage ist nur, ob wir ihm dabei folgen wollen. Aber ich glaube, wir haben keine andere Wahl.

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