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28.03.2010

Fastenpredigt

von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

am zweiten Fastensonntag im Bonner Münster

Eintreten in Jesu Leidenschaft für die Menschen

 

Verstehen Sie das alles? „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen!“ Wer soll das begreifen? Der Messias, der Sohn Gottes stirbt elend am Kreuz. Reden wir nicht drum herum: Wir sind unfähig, Jesu Leiden, Sterben und Tod zu begreifen. Allein die Gnade Gottes erschließt uns den Sinn dieses Weges, der nicht erst am Palmsonntag in Jerusalem begonnen hat, sondern schon in Bethlehem als kein Platz in der Herberge war.

 

Jesus hat von sich bekannt, dass er, der einzige Sohn, vom Vater im Himmel in die Welt gekommen ist. Damit hat Gott eine Geschichte in unserer Geschichte. Aber was ist das für eine Geschichte? Es ist nicht die Episode eines triumphalen Gottes, dem sich alles unterwerfen muss, nicht die Geschichte eines neugierigen Gottes, der in Menschengestalt auf der Erde umhergeht, um dann schnell wieder in himmlischen Sphären zu entschwinden.

 

Es ist die Geschichte, die der Philipperbrief treffend beschreibt. Wir haben daraus wie eine Ouvertüre zur Passion in der zweiten Lesung gehört:

Jesus hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.

 

Er entäußerte sich – in der lateinischen Vulgata-Bibel steht hier: „evacuatio“, er entleerte sich. Das heißt: er hat das Göttliche „Sein für sich“ aufgeben und ist in die Bewegung des „Sein-Für-die-anderen“  eingetreten. Genau darin ist er der „Herr“, der Kyrios geworden, dem sich alles unterwirft, in dem es die Knie beugt und bekennt, „Jesus Christus ist der Herr“. Der, der freiwillig gehorcht, ist der wahrhaft Herrschende; der in die letzte Niedrigkeit Abgestiegene ist gerade dadurch der Herrscher der Welt.

 

„In Christus hat sich Gott selbst im Absteigen offenbart.“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth S. 126). Deshalb besteht der Weg zu Gott „im Mitgehen bei diesem Abstieg“.

 

Unser Fastentuch hat uns die ganze Fastenzeit über genau dazu eingeladen als es uns mit den Bildern leidender Menschen konfrontierte, die uns so oder ähnlich jeden Tag begegnen. Wir hätten auch nur das Schweißtuch der Veronika zeigen können; aber dann hätte genau dies gefehlt: Christ-sein ist kein „Hauptgewinn“, den man strahlend besitzen kann, wie ein Beutestück, das man erobert hat und das nur für einen selbst eine Bedeutung hat, sondern ist immer Eintreten in die Passion, in die Leidenschaft Jesu für die Menschen.

 

Solange noch ein Mensch auf der großen Welt und in unserer kleinen Welt leiden muss, sind noch nicht genug, sind wir noch nicht genug diesen Weg hinab zu den Kleinen und Armen, zu den Alten, Kranken, Einsamen, Schwachen, zu den Hoffnungslosen und Resignierten mitgegangen.

 

Die Karwoche lädt uns ein, unseren Weg zu überprüfen und uns neu zu orientieren. Es gibt viele Möglichkeiten, am Weg Jesu teilzunehmen. Als unbeteiligter, als fassungsloser Zuschauer, als Bekannter, der schließlich fern vom Kreuz steht, als einer der Herrschenden, für den dieser Jesus von Nazareth nur eine Episode war. Oder als jemand, der sich entschließt, mitzugehen – nicht eiligen Schrittes, eher tastend, vorsichtig, aber entschlossen.

 

Der Weg ist nicht leicht, vielleicht ist deshalb die Bitte des Verbrechers, der mit dem Herrn gekreuzigt wurde, das rechte Wort auch für uns: „Jesus, denk an mich!“

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