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21.03.2010

Fastenpredigt

von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

am fünften Fastensonntag im Bonner Münster

„Seht, ich schaffe etwas Neues,

schon sprosst es, merkt ihr es nicht?“

 

„Bald ist es vorbei!“ oder „Du wirst sehen, die Zeit heilt die Wunden“ oder „Sie sind nicht der einzige, den das trifft“ oder „verglichen mit dem Leid dieser Welt ist das doch zu ertragen“ – so oder ähnlich hören sie sich viele Tröstungen an, die hilflose Zeugen einem leidgeprüften Menschen mitgeben.

In der subjektiven Empfindung aber scheint das Leid ewig zu sein. Die Nacht mit den Schmerzen nimmt kein Ende, die Beziehung ist endgültig zerbrochen, der Platz bleibt immer leer, Es gibt keine schnelle Erlösung.

Jedes Einzelschicksal, das auf unserem Fastentuch dargestellt ist,  erzählt von der Sehnsucht, das Schmerzhafte, das Bedrückende, das Aussichtslose hinter sich zu lassen, zu überwinden und Neues zu erleben.

In der Lesung beim Propheten Jesaja wurde uns nicht nur ein Einzelschicksal, sondern das Schicksal eines ganzen Volkes vor Augen geführt. Es war um 550 vor Christus, Gottes Volk war verschleppt und ausgebeutet in der babylonischen Gefangenschaft, gefangen in bitterer, endlos erscheinender Armut, ohne Stimme, ohne Recht, am Ende. In diese Situation hinein, für diese Menschen am Boden verkündet der Prophet das Wort Gottes:

„Seht, ich schaffe etwas Neues, schon sprosst es, merkt ihr es nicht?“

Ein Wort der Hoffnung nicht nur für das Volk Israel! Auch heute noch hinein gesagt in jedes Leid, in jede Not, in Unrecht und Armut der Welt. Aber wie kann dieses Wort so gefüllt werden, dass es nicht ähnlich klingt wie jene Vertröstungen, von denen am Anfang die Rede war?

Suchen wir nach einer Antwort im Evangelium.

Ich stelle mir die Szene mit der Ehebrecherin sehr plastisch vor – nicht wie viele Bilder in der Kunst, die Jesus eher in der aufrechten Haltung eines Richters zeigen. Ich sehe auch die Frau, nicht aufrecht da stehen. Sie ist gewiss zusammengekauert, vorbereitet für den ersten Stein, der sie treffen soll.

Haben sie das auch schon mal erlebt? Das Triumphgefühl Ihrer Umgebung, wenn man Ihnen ein Versagen nachweisen konnte. Wenn man Sie vor den Augen und Ohren aller festnageln konnte? Wenn die Fakten gegen Sie sprachen und das Recht auf der Seite der anderen war.

Und ich höre und sehe die geifernde Menschenmenge. Ich frage mich auch sehr kritisch Wie gehe ich mit anderen um, bei deren Versagen ich Zeuge wurde. Bin ich aufs Ertappen anderer aus? Wie oft trage ich den Stein der Steinigung schon in der Hand?

Zweimal sagt das Evangelium: „er bückte sich!“ Ich sehe den Herrn gebückt, nicht nur, um etwas in den Sand zu schreiben, sondern auch um der Frau nahe zu sein, die da von den anderen öffentlich niedergemacht wird.

Wenn er sich zu ihr niederbückt, dann ist das der Ausweis großer Solidarität mit einem Menschen, der nur so Heilung und Zukunft erfahren kann. Gottes Sohn, der in allem uns gleich war außer der Sünde, zeigt auch hier, dass er die Schmerzen der Menschen auf sich genommen hat und „für uns zur Sünde geworden“ ist (2 Kor 5,21), wie es der Apostel Paulus sagt.

Seine Solidarität, sein Mitleiden ermöglichen es der Frau, die eigene Sünde anzuschauen und diese ausweglose Situation zur Quelle der Hoffnung werden zu lassen.

Das Geheimnis der Liebe Gottes liegt nicht darin, dass er unsere Schmerzen stillt, sondern dass er zunächst mit uns teilen will. Daraus entspringt neues Leben.

Deshalb hört die Frau aus seinem Mund auch nicht das Wort: „Da bist Du ja noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen“ oder „Siehst Du, alles halb so schlimm!“, sondern „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Jesus ist nicht der Richter, den man fürchten und meiden muss, sondern er verkündet einen Gott, der am Leben der Menschen Anteil nimmt, der mit uns lebt, liebt und leidet und uns so hilft, zur eigenen Wahrheit vorzustoßen.

Das ist das Neue, das mit Jesus in diese Welt gekommen ist.

Es liegt auch an uns, diese Botschaft für Menschen hörbar, sichtbar, erlebbar zu machen.

Wir erleben in einer Zeit, in der man uns einredet, unser Tun müsse zu etwas nütze sein. Was bringt es mir und einem leidenden Menschen, wenn ich ihn besuche, ihm zuhöre, einfach nur da bin? Ich kann ihm ja doch nicht helfen, denken viele.

Es ist nicht leicht, einfach nur bei jemandem auszuharren, denn es verlangt von uns, dass ich mir seine Verwundung zu eigen mache, dass ich mit ihm die Schwäche und Ohnmacht teile. Wie der Herr, der sich heute in den Staub bückt an die Seite der Ehebrecherin.

Und doch das Verweilen wird zu einem Lichtblick in der Dunkelheit, zu einem Trost in großer Traurigkeit, zu einem kleinen vielleicht unscheinbaren Hoffnungszeichen, wie das zarte Grün, das jetzt im Frühjahr überall sichtbar wird. „Seht, ich schaffe etwas Neues, schon sprosst es, merkt ihr es nicht?“

Den Zug hinauf nach Golgota konnte Veronika nicht aufhalten. Aber ihr kleines Zeichen der Solidarität mit dem Schweißtuch, das sie dem Herrn reicht, wird zu einem Signal der Menschlichkeit in einer unmenschlichen, brutalen Umgebung. „Seht, ich schaffe etwas Neues, schon sprosst es, merkt ihr es nicht?“

So endlos und scheinbar ewig menschliches Leid den Betroffenen auch erscheinen mag, durch unser Verweilen an ihrer Seite bringen wir ihnen die Botschaft der Hoffnung.

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