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Fastenzeit 2010 am Bonner Münster

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21.02.2010

Fastenpredigt

von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

am ersten Fastensonntag im Bonner Münster

Die Predigt hält am ersten Fastensonntag immer der Erzbischof mit seinem Hirtenwort; deshalb zu Beginn diese Einführung:

 

Ich muss gestehen, zu den faszinierenden Erlebnissen einer Israel-Reise zählt für mich immer in die Exkursion mit dem Jeep in die Wüste Negev. Andere, die sich tagelang in einer Wüste aufgehalten haben, erzählen von ähnlicher Faszination.

 

Der Bericht des heutigen Evangeliums vom Aufenthalt Jesu in der Wüste erzählt aber nicht von einem touristischen Highlight, sondern von existentiellen Stunden vor seinem öffentlichen Auftreten.

Der Geist führt ihn in die Wüste und der Teufel führt ihn dort in Versuchung. Folgt er den Versuchungen, will er sich einen Namen machen, sich einrichten in dieser Welt, auf Geld und Reichtum setzen oder folgt er gehorsam dem Willen des Vaters?

Das ist wahrlich keine Exkursion in die Wüste mit Verpflegung im Beduinenzelt, d.h. ist Erfahrung der eigenen Grenzen und des Umgangs damit.

 

Wüste ist hier mehr als eine geologische Formation. Wüste wird hier zu einem Synonym für die Grenzerfahrungen des Lebens.

 

 

Schauen Sie jetzt auf unser Fastentuch:

Es zeigt 12 Leidensbilder, Bilder von Grenzerfahrungen im menschlichen Leben.

 

Wir sehen

von Krankheit Gezeichnete und vom Alter Geplagte,

von Katastrophen Heimgesuchte und von Hunger Gequälte,

wir sehen Menschen in Beziehungskrisen,

genau wie den Soldaten, der in den Krieg geschickt wurde,

die alleinerziehende Mutter und den Obdachlosen,

den Drogenabhängigen, der sich eine Spritze setzt und den Gefangenen, der an Gittern rüttelt,

und den Menschen in tiefer Depression.

 

Die Sorge, die Alfred Delp, ein Märtyrer aus der nationalsozialistischen Zeit, in seiner Todeszelle niedergeschrieben hat: „Herr, ich weiß, es steht schlimm um mein Leben, wenn ich die Wüste nicht bestehe“ ist auch die Angst all dieser Menschen, ist auch ihr Schrei in der Wüste ihres Lebens.

 

Er würde verhallen ohne gehört zu werden, gäbe es da nicht der Mitte das Bild eines anderen Leidenden, der in der Wüste und in der Stunde des größten Leids auf Gott gesetzt hat.

 

Wir sehen das Schweißtuch der Veronika, eine Vergrößerung des Freskos, das im Jahre 1320 als Teil der gotischen Ausmalung unserer Basilika im südlichen Querschiff gemalt wurde.

 

Dahinter steht eine Legende: Eine Frau mit Namen Veronika soll Jesus auf seinem Weg zur Kreuzigung ein Tuch gereicht haben, mit dem er sich den blutigen Schweiß abwischen konnte. Im Tuch blieb sein Antlitz zurück.

Natürlich wissen wir, es gibt kein Bild von Jesus. Das Fresko ist genau wie jede andere Darstellung die Aussage eines Künstlers, hier gewiss eines glaubenden Menschen.

 

Die gelbe Farbe des Tuches erinnert mich heute an den Sand und Staub der Wüste, in den das Antlitz Jesu wie eingraviert wirkt – versehen mit einer tröstlichen Botschaft:

Es gibt keine Wüste in dieser Welt, in der ich nicht mit Dir unterwegs bin, sagt der Herr uns Betrachtern.

 

Seit Jesu Tod am Kreuz steht Gott auf der Seite der Leidenden. Sein ohnmächtiges Mit.LEIDEN ist seine Antwort auf unser Leid. Es gibt auf diesem Tuch auch einige Leerstellen. Hier hat Ihr persönliches Leid Platz oder das Leid der Menschen, die nicht auf dem Tuch vertreten sind.

 

mit.LEIDEN.schaft haben wir diese Wochen überschrieben. Hinter der grafischen Anordnung verbirgt sich ein Wortspiel, das verschiedene Aspekte des Leids wiedergibt: leiden – mitleiden – Leidenschaft, Leid zu lindern – Mitleid.

 

Ich lade sie herzlich ein auf den Weg durch diese Heilige Zeit.

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