Die Sonne steht hoch über dem Glockenturm von San Pietro in Assisi. Sie erinnert an den Sonnengesang.
Entstanden ist er im Leben des Heiligen Franziskus, gesungen
und niedergeschrieben aber hat er ihn am Ende seines Lebens.
Von vielen Krankheiten geplagt, fast erblindet, lässt sich
Franziskus nach San Damiano bringen. Hier, wo alles
angefangen hat, hier will er zu neuen Kräften kommen. Im
Winter 1224/25 wird er von der heiligen Klara und ihren
Schwestern gepflegt. Nicht nur körperliche Schmerzen plagten
ihn, auch seelisch geriet er in große Bedrängnis, Todesangst
quälte ihn.
Um ihn herum war Nacht, Dunkelheit ohne Licht, Einsamkeit trotz liebender Fürsorge. Und wie viel klarer, wie viel leuchtender bricht es dann aus ihm hervor „Altissimu, omnipotente bon Signore – höchster, allmächtiger und guter Herr“. - Es klingt wie der befreiende Aufschrei eines Menschen, nachdem alle Last von ihm gewichen ist.
So entstand ein Lied, das wohl
zuallererst Klara und ihren Schwestern Freude machen sollte
— Franziskus nannte es „Gesang von der Schwester Sonne".
Wer den Sonnengesang betrachtet, dem wird uns auffallen,
dass in diesem Lied alles Drohende, alles Böse, alles
Negative fehlt — die Schöpfung wird als gut angesehen.
Franziskus hat die Krise überwunden, hat Erlösung gefunden.
Für ihn ist die Erde nicht mehr der verfluchte Acker, von
dem er „mit aller Beschwer essen soll alle Tage des Lebens"
(Gen 3,17); Franziskus sieht die Welt gleichsam aus
göttlicher Perspektive: „Gott sah alles, was er gemacht
hatte, und siehe, es war sehr gut" (Gen 1,31).
Heute darf ich mit Franziskus
dankbar die Welt anschauen.
Ich wünsche Ihnen Gesegnete
Ostern, vor allem aber österliche Augen!
Ihr Begleiter durch die
Fastenzeit
Wilfried Schumacher
Münsterpfarrer in Bonn
Sonnengesang
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind Ehre, Lob und Ruhm und aller Segen.
Du allein bist würdig, sie zu empfangen,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen, o Höchster.
Gelobt seist du, mein Herr!
Mit all deinen Geschöpfen,
vor allem mit der edlen Schwester Sonne.
Sie bringt uns den Tag und das Licht,
von dir, du Höchster, ein Gleichnis.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch Bruder Mond und die Sterne.
Du hast sie am Himmel gebildet, klar und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch Bruder Wind und die Luft,
durch bewölkten und heiteren Himmel und jegliches Wetter;
so erhältst du deine Geschöpfe am Leben.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch Schwester Wasser,
so nützlich und demütig,
so köstlich und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch Bruder Feuer;
mit ihm erleuchtest du uns die Nacht.
Er ist schön und freundlich, gewaltig und stark.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch unsre Schwester, die Mutter Erde;
sie trägt und erhält uns,
bringt vielerlei Früchte hervor
und Kräuter und bunte Blumen.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch alle, die vergeben in deiner Liebe,
die Krankheit und Trübsal ertragen.
Selig, die dulden in Frieden;sie werden von dir, o Höchster, gekrönt.
Gelobt seist du, mein Herr!
Durch unsern Bruder, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.
Weh denen, die sterben in tödlichen Sünden.
Selig, die der Tod trifft in deinem heiligsten Willen;
denn der zweite Tod kann ihnen nichts antun.
