Die Erfahrung der Leere, die Erfahrung der Zeit in der
es keinen Gott zu geben scheint, Erfahrung des Totseins des Sohnes
Gottes, es ist die Erfahrung des Karsamstags: Ich rufe nach Gott,
niemand antwortet mir. In eindrucksvoller Weise hat die Kirche die
Erfahrung der Zeit nach dem Tod des Sohnes Gottes am Kreuz, die Zeit
nach dem Karfreitag, im Karsamstag verdichtet. Es ist der Tag der
Schmucklosigkeit und der Entblößung. So ausführlich die Evangelien das
Leiden Jesu bis zu seinem Tod und Begräbnis schildern, so schweigsam
werden sie für die Zeit zwischen Grablegung und Auferstehung. Was soll
man in dieses Schweigen, in das Nichts dieses Tages auch noch hinein
sagen. Es ist der Tag der Wortlosigkeit: alle Wörter sind abgegriffen
und können nicht helfen, das Wort des Vaters ist verstummt. Am
Karsamstag scheint die ganze Lebensdimension, die sich mit der Liebe
Jesu bis zum Tode am Kreuz zu öffnen schien, wieder zusammengebrochen
und verschlossen. Der Karsamstag ist der Tag des Nullpunkts. […]
Christus hat das Tor unserer letzten Einsamkeit
durchschritten, er ist eingetreten in diesen totalen Abgrund unseres
Verlassen- seins. Hinabgestiegen in die Hölle. Es klingt paradox, ja es
ist paradox, aber es ist doch eine Wirklichkeit: Wo uns keine Stimme
mehr erreichen kann, wo kein Mitsein mehr ist, wo nur noch Leere ist, wo
nur noch Nicht-Gott-Sein ist, da ist seit Karsamstag ER, Gott: mitten im
Tod ist Leben, mitten in der Verlassenheit Liebe. Das Sterben ist kein
Weg mehr in die eisige Einsamkeit, die Pforten der Hölle sind geöffnet,
wie es im Matthäus-Evangelium heißt: „Die Gräber öffneten sich" (Mt
27,52). […]
Seitdem gibt es das Heil im Unheil, das Wort im
Schweigen, das Licht in der tiefsten Dunkelheit, die Liebe in der
radikalsten Einsamkeit, das Leben im Tod. […]
Im Karsamstag fallen Karfreitag und Ostersonntag
gleichsam zusammen. Beide Wirklichkeiten sind voll da, präsent. Diese
unendliche Spannung gilt es am Karsamstag auszuhalten, weil beides wahr
ist, die Erfahrung der radikalen Einsamkeit und Verlassenheit und die
Wirklichkeit der Nähe Gottes mitten in dieser Gottlosigkeit des Todes.
Weihbischof Dr. Heiner Koch