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Die Keuschheit sitzt in einem offenen Turm. Darunter an der
Mauer zwei Soldaten: die Reinheit und der Starkmut. Rechts unten werden die
Laster vertrieben, links werden Repräsentanten der drei Ordensgründungen
(Männer, Frauen, Dritter Orden) eingeladen auf den Weg der Keuschheit.
Nach Gehorsam und Armut heute der dritte „evangelische Rat“:
die Keuschheit, die jedoch mehr ist als sexuelle Enthaltsamkeit. Im
Evangelium begegnet sie uns als „Jungfräulichkeit“. Dort wird die Jungfrau
beschrieben (Mt 25, 1-13) als Mensch, der auf den Bräutigam wartet.
Jungfräuliche Menschen widerstehen der Versuchung, alles vom
anderen zu erwarten, sich hier auf Erden schon das Himmelreich zu schaffen.
Wenn sie keusch leben, dann wissen sie, kein Mensch kann letztlich die
Sehnsucht nach Liebe stillen, weil menschliches Leben endlich ist.
Insofern ist Keuschheit nicht ein „Privileg“ der Ordensleute,
sondern eine Haltung, die auch von Eheleuten gelebt werden kann, wenn sie so
miteinander leben, dass sie den anderen mit den eigenen Erwartungen nicht
überfordern. Sie wissen, nur Gott kann meine Sehnsucht nach Liebe wirklich
stillen. Jede Sexualität, so leidenschaftlich sie auch sein mag, hat ihre
Grenzen.
Eine solche Haltung wird so zu einem Zeugnis für die
Priorität Gottes in unserem Dasein. Wer keusch lebt verliert sich nicht in
seinen Leidenschaften und Trieben als seien sie das Paradies auf Erden.
Die Keuschheit sitzt in einem offenen Turm – sie muss bewahrt
werden; aber ist nicht abgeschottet. Sie braucht diese Offenheit, denn sie
ist nicht zu verwechseln mit Beziehungslosigkeit.
Inmitten von aller Gier, allem Egoismus des Nicht-Warten-Könnens, des
Konsumhungers, inmitten des Kultes der Individualität versuchen wir,
eine uneigennützige Liebe zu den Menschen zu leben. Wir leben eine
Hoffnung, die Gott die Erfüllung überlässt, weil wir glauben, dass er
erfüllt.
Benedikt XVI. über die Keuschheit, 2007
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