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In der Kirche San Francesco in Assisi wird dieses Reliquiar
aufbewahrt: der Segen, den Franziskus eigenhändig für Bruder Leo geschrieben
hat:
Der Herr segne und behüte dich.
Er zeige dir sein Angesicht und erbarme sich deiner.
Er wende dir sein Antlitz zu und schenke dir den Frieden.
Der Herr segne dich, Bruder Leo.
SegLeo
Unter den Text des Segens sind von Bruder Leo mit roter Tinte
folgende Worte hinzugefügt: „Der selige Franziskus hat diesen Segen mit
eigener Hand für mich, Bruder Leo, geschrieben." Unter den Buchstaben T
ist ein Kopf gezeichnet. Bruder Leo schreibt dazu am unteren Rand die
Erklärung: „Ebenso verfertigte er dieses Zeichen Thau mit dem Kopf mit
eigener Hand".
Franziskus hat das Zeichen Tau gerne verwendet. Er setzte es
unter seine Briefe und malte es in Kapellen auf die Wand. So wurde es
geradezu zum Wappenzeichen der Minderen Brüder. Franziskus dachte dabei
wohl an einen Text aus der Bibel im Buch des Propheten Ezechiel (Ez 9, 4-6),
wo die Auserwählten mit diesem Zeichen auf der Stirn besiegelt werden:
„Rühret aber niemand an, der das Tau trägt" (Ez 9, 6).
Franziskus wählt auch einen Segensspruch aus dem Alten
Testament und macht damit deutlich, der Segen, den er Leo zuspricht, ist wie
jeder Segenswunsch ein Widerhall des Segens, den Gott über uns spricht seit
dem ersten Augenblick unserer Existenz.
Ich brauche einen solchen Segen (lateinisch "Benedictus" = im
übertragenen Sinn „ein gutes Wort“), denn es gibt auch die Momente in meinem
Leben, in denen ich eher meine, unter einem Fluch statt unter dem Segen zu
leben. Das macht das Leben nicht einfach.
Heute kann ich achten auf die „guten Worte“, die jemand über
mich sagt, und ich kann anderen ein gutes Wort sagen. Vielleicht bitte ich
sie um ihren Segen oder ich segne sie.
Ein Segen ist wesentlich mehr als ein Wort des Lobes
oder der Anerkennung; er ist mehr als ein Hinweis auf die Talente oder
guten Taten eines Menschen; er bedeutet mehr, als jemanden in gutes
Licht stellen. Über jemanden den Segen sprechen bedeutet, zum
Geliebtsein dieses Menschen ja sagen und es bekräftigen. Ja, mehr noch:
der Segensspruch erschafft die Wirklichkeit, von der er spricht. In
unserer Welt gibt es viel gegenseitiges Einander-Bewundern, aber
genauso viel gegenseitiges Einander-Richten. Jeder Segen geht weit über
die Unterscheidung von Bewunderung oder Verurteilung. Tugenden oder
Laster, gute oder schlechte Taten hinaus. Der Segen rührt an die
ursprüngliche Gutheit des andern und ruft sein Geliebtwerden wach.
Henri Nouwen
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