Sammle meine Tränen in einem Krug.
Psalm 56,9
Ein alter Krug erinnert mich an dieses Wort aus dem Buch der
Psalmen.
Wenn ich auf mein Leben schaue, dann ist mir manchmal eher
zum Weinen als zum Lachen zumute.
„Der römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) schreibt:
‚Sunt lacrimae rerum!‘ Das ist kaum zu übersetzen. ‚Die Dinge haben
ihre Tränen‘ hat unvergleichlich der Schriftsteller Theodor Haecker
(1879-1945) übersetzt…
Die Dinge haben ihre Tränen, aber es weint sie der
Mensch. Es gibt Situationen, die mit keiner anderen Antwort zufrieden
sind als mit Tränen. Und manches wird nicht wirklich erkannt, es sei
denn durch Tränen. Solche Tränen sind Tränen der Sehnsucht nach
Vollendung, oder Tränen der Reue über Sünde und Schuld; eine falsche
Sinngebung des Lebens muss ausgelitten und erfahren werden und das durch
Tränen.“
Hans-Karl Seeger
Die Krankheit der Niedergeschlagenheit suchte Franziskus als
die schlimmste mit der größten Sorgfalt zu vermeiden. Sobald er merkte, dass
sie auch nur ein wenig in seinem Geist Eingang gefunden habe, eilte er
schnell zum Gebet. Er pflegte nämlich zu sagen:
„Der Knecht Gottes, der, wie es vorkommen kann, aus
irgendeinem Grund verwirrt ist, muss sich sofort zum Gebet erheben und
so lange vor dem höchsten Vater verharren, bis er ihm die Freude seines
Heiles wiedergibt“7. Wenn er nämlich länger in der Schwermut verharrt,
dann nimmt jenes babylonische Übel zu, das schließlich, wenn es nicht
durch Tränen ausgetilgt wird, im Herzen bleibenden Rost erzeugt". (Cel
II 125)
Ehe Rost in unserem Herzen erzeugt wird, können wir unsere
Tränen zulassen, und Gott mit dem Psalmisten bitten, dass alle Tränen bei
ihm aufgehoben sind.
Franziskus betet in seinem Offizium vom Leiden des Herrn mit
ähnlichen Worten:
Gott, mein Leben habe ich dir kundgetan; und meine
Tränen hast Du kommen lassen vor dein Angesicht. (Off I,1)
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