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PREDIGT
von Stadtdechant
und Münsterpfarrer
Msgr. Wilfried
Schumacher
in der
Osternacht, 23.03.2008
im Bonner Münster
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Predigt
hören [Podcast]
Es war aber Nacht. (Joh
13,30) – mit dieser Zeitangabe haben die Ereignisse der letzten Tage
begonnen. Es war aber Nacht, schreibt der Evangelist Johannes als Judas den
Abendmahlssaal verlässt, um seinen Verrat Wirklichkeit werden zu lassen.
Es ist Nacht geblieben
bis zur Finsternis am Karfreitagnachmittag. Und damit ist nicht nur die
Beschreibung des Tageslichts gemeint, sondern mehr noch eine Beschreibung
der Stimmung des Herzens – es war aber Nacht!
Das kennen viele
Menschen, dass sich plötzlich die Sonne des Herzens am helllichten Tag
verdunkelt:
-
wenn eine schwere
Krankheit bewältigt werden muss,
-
wenn
Lebensträume zerbrechen,
-
wenn man der Untreue
des Partners, der Partnerin gewahr wird,
-
wenn alles um einen
herum und in einem zur Katastrophe wird und es kein Licht mehr am Ende
des Tunnels gibt,
-
wenn ein lieber
Mensch stirbt,
-
wenn…
Vielleicht können Sie
eigene Beispiele beisteuern, in denen es Nacht war in ihrem Herzen.
Franziskus kannte das
auch – nicht nur einmal. Aber mit großer Intensität erlebt es ein Jahr vor
seinem Tod: Innere und äußere Leiden hatten ihn befallen. Er war fast
erblindet. Der Orden, den er gegründet hatte, ging nicht mehr auf dem Weg
der radikalen Armut. Empört nahm er Kenntnis vom barbarischen Auftreten der
Christen während der Kreuzzüge. Franz lässt sich nach San Damiano bringen,
wo alles begonnen hatte und wo Klara und die anderen Schwestern lebten.
Die Schmerzen geben ihm
keine Ruhe. Fünfzig Tage verbringt er in einer dunklen Zelle, ohne das
Tageslicht sehen zu können. Die Augenschmerzen ließen ihn weder schlafen
noch ausruhen. Betend ... fiel er in Agonie. (2 Cel 213) Das war wirklich
Nacht, Dunkelheit ohne Licht, Einsamkeit trotz liebender Fürsorge.
Und wie viel klarer, wie
viel leuchtender bricht es dann aus ihm hervor „Altissimu, omnipotente bon
Signore". Höchster, allmächtiger, guter Herr.“
Es klingt wie der
befreiende Aufschrei eines Menschen, nachdem alle Last von ihm gewichen ist.
Das war der Ostermorgen des Franziskus!
Herr
sei gelobt durch Schwester Sonne, Bruder Mond,
durch
Bruder Wind und Schwester Wasser,
durch
Mutter Erde, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod.
Der Sonnengesang ist die
Lebensbilanz des Heiligen. Entstanden ist er im Leben des Heiligen, gesungen
und niedergeschrieben am Ende seines Lebens.
Der Sonnengesang ist
keine Naturromantik. Er ist das Ergebnis eines Lebens in Buße, Armut und
Verzicht. Nur dann lassen sich Sonne und Mond, Wind und Feuer, Wasser und
Erde, ja Krankheiten, selbst der Tod als Schwestern und Brüder bezeichnen.
Es fällt auf, dass in
diesem Lied alles Drohende, alles Böse, alles Negative fehlt — die Schöpfung
wird als gut angesehen, Franziskus hat die Krise überwunden, hat Erlösung
gefunden.
Für ihn ist die Erde
nicht mehr der verfluchte Acker, von dem er „mit aller Beschwer essen soll
alle Tage des Lebens" (Gen 3,17); Franziskus sieht die Welt aus der
göttlichen Perspektive: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es
war sehr gut" (Gen 1,31).
Im Sonnengesang wird die
ursprüngliche, die paradiesische Haltung des glaubenden Menschen zur
Schöpfung Gottes wieder deutlich.
Nicht der Mensch und auch
nicht die Welt sind Mittelpunkt, sondern Gott.
Heute gibt es zwei
gegenteilige Bewegungen:
-
Die einen versuchen
den Menschen zur Mitte zu machen.
Dann werden Gott und Welt zu seinem Produkt, zu seiner Projektion,
zumindestens zu ‚Funktionen' des Menschen, die ihren Sinn und
Zusammenhang und ihre Realität von Gnaden des Menschen haben"
(Hemmerle).
-
Oder aber die Welt,
die Materie, die Technik und das Kapital mit ihren Eigengesetzlichkeiten
rücken in den Vordergrund, und der Mensch wird zum Produkt der Welt, ihr
in allem unterworfen.
Biblisch dagegen: die
Sicht von Gott her. Er ist auf Mensch und Welt bezogen, sich offenbarend,
seine erlösende Liebe uns zuwendend – unüberbietbar demonstriert durch den
Tod Jesu am Kreuz.
Gott steht vor und über
und zugleich zu Welt und Mensch. Diese Perspektive macht Mensch und Welt,
die ganze Schöpfung zu Schwestern und Brüdern, die der gegenseitigen Achtung
und Anerkennung bedürfen.
Geschwister hat man, man
besitzt sie nicht. Von daher ist es für Franziskus ganz und gar undenkbar,
dass er die Schöpfung besitzt, dass er sich die Gaben Gottes aneignet, sie
ausbeutet.
Er lebt mit der ganzen
Schöpfung in der Gemeinschaft grenzenloser Liebe.
Damit steht er in der
Tradition des alten Israel: An den großen Festen feierten die Menschen ihr
geschenktes Daseins. Das ganze Leben vollzieht sich als eine dankbare
Antwort auf die empfangene Gabe, auf Auserwählung und Befreiung, auf die
immer je neue Erfahrung göttlicher Fürsorge, göttlichen Mitseins. Israel
erfährt sich, von Gott geliebt (Dtn 7,7 f).
So lehrt uns Franziskus:
Dass es mich gibt und dass es die Welt gibt — ist Geschenk Gottes an mich
und führt mich zu jener dankenden, demütigen, gelassenen Haltung, die bereit
ist, immer neu zu empfangen. Der Mensch wird zum Menschen, indem er sich als
Geschaffener und damit als Begrenzter erfährt.
Und genau darin liegt die
Freiheit des Menschen, der — sich so geschaffen, so gedacht und getragen von
seinem Schöpfer — nun selbst schöpferisch tätig werden kann, der sich selbst
schenken und verschenken kann, der nicht alles auf sich bezieht, sondern
sich in Liebe dem anderen zuwendet.
Wenn aber die Sorge um
das Leben und Überleben den Menschen total verzehrt, wenn er sein Schicksal
in die eigene Hand nehmen und alle Grenzen überspringen will, wenn er
versucht, sich gegen alles und jedes abzusichern, dann wird er unfrei,
gefangen von Sorge und Angst. Dann wird der Mensch zum Unmenschen, der
Mensch neben mir zum Rivalen, und an die Stelle des Gönnens und Vertrauens
tritt Missgunst und Misstrauen.
Die Auferstehung Jesu,
die wir in dieser Stunde feiern, hat das verschobene Weltbild wieder
korrigiert: wenn sich der Mensch absolut setzt, wird er des Menschen Wolf,
und wer die Welt vergöttert, scheitert am allerweltlichsten, dem Tod. Nur
Gott hat die Macht über Leben und Tod.
Was Franziskus erlebt
hat, was Ihnen auch nicht fremd ist, feiern wir miteinander. Wir haben es
erlebt, das Licht durchbricht die Dunkelheit der Nacht, das Leben besiegt
den Tod. Vor Ihnen sind jetzt auch wieder die Fenster der Apsis sichtbar, in
denen das Licht des Morgens langsam aufgeht und wir sehen die Bilder der
Schöpfung. „Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr
gut".
Ich wünsche Ihnen die
österliche Erfahrung des Heiligen Franziskus.
Allerdings: oft wird man
lange warten müssen, bis man mit ehrlichem Herzen dem Heiligen aus Assisi in
seinem Sonnengesang folgen kann. Warten müssen — vielleicht bis zu jener
Stunde, wenn Bruder Tod anklopft und ich mir endgültig bewusst werde, dass
ich Geschöpf Gottes bin.
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