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PREDIGT
von Stadtdechant
und Münsterpfarrer
Msgr. Wilfried
Schumacher
am Karfreitag, 21.03.2008
im Bonner Münster
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Wir kennen das alle: da haben wir uns irgendetwas
vorgenommen, haben Pläne und dann kommt alles anders, unsere Wege werden
durchkreuzt. Es geht nicht mehr so weiter, wie man sich das gedacht hat.
So ergeht es auch dem hl. Franziskus als er dem Kreuz in dem
verfallenen Kirchlein San Daminao begegnete, das wir die ganze Fastenzeit
über auf unserem Fastentuch gesehen haben und das heute auch im Mittelpunkt
unserer Liturgie steht. Das Kreuz durchkreuzt seine Wege.
Seinen Blick fesselt zuerst der Gekreuzigte. Es ist nicht der
schmerzhaft zerrissene Erlöser, sondern der Ruhe ausstrahlende Gott-König,
faszinierend das schöne Antlitz, die Augen. Das sind nicht die Augen eines
Toten, sondern die Augen eines Lebenden. Hier bricht es aus ihm heraus, ein
Gebet, das seine ganze Sehnsucht ins Wort bringt, das seinen ganzen Weg
zusammenfasst:
Höchster,
glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir
rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung
und vollendete Liebe.
Gib mir Herr, das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag
erfülle.
GebKr
"Erleuchte die Finsternis meines Herzens!" – Welche
eine Beschreibung der eigenen Situation? Ich denke, es ist wohl eines der
schlimmsten Geständnisse, wenn ein Mensch zuerst einmal sich selbst und dann
auch vielleicht anderen eingestehen muss, in meinem Herzen ist Nacht.
Die synoptischen Evangelien wissen von einer großen
Finsternis angesichts der Kreuzigung des Herrn. Die Natur spiegelt wieder,
was in den Herzen der Jünger vor sich geht angesichts ihres gekreuzigten
Meisters. Das Kreuz durchkreuzt ihre Wege.
"Gib mir Herr, das rechte Empfinden und Erkennen",
betet Franziskus.
Franziskus weißt worauf es ankommt, er muss den Gefühlen
trauen und den Kopf gebrauchen. Deshalb bittet er um das rechte Empfinden
und Erkennen. Nur so wird er den Auftrag gewahr werden, den Gott für ihn
hat.
Durchkreuzte Wege gehen anders weiter als bisher. Franziskus
hat ein eigenes Stundengebet für die Passionszeit geschrieben und darin
fällt ein Satz auf: „Räumt aus dem Weg euer eigenwilliges Ich, und tragt
sein heiliges Kreuz, befolgt bis zum Ende sein heiligstes Gebot.“ (Off
VII 8, XV 13 – nach einer Übersetzung von A. Rotzetter).
Vielleicht ist das der Sinn der durchkreuzten Wege: dass wir
unser eigenwilliges Ich aus dem Weg räumen lassen. Dieses ICH, das die Wege
in Gedanken schon geebnet hat: für uns selbst, für unseren Partner, für
unsere Kinder.
Das ist keine Theorie – vier Erfahrungen aus dieser Woche:
-
Da sitzt ein junger Mann vor mir und weiß schon, wie und
wohin seine Karriere verlaufen wird;
-
Da weint vor mir eine junge Frau, weil die Mutter sie mit
ihren Tränen erpresst, nur ja nicht den Mann zu heiraten, den sie liebt;
-
Da bekennt mir eine andere Frau nach 30 Ehejahren – mein
Mann entscheidet alles. Solange ich funktioniere, ist alles gut. Wenn er
mir mal zuhören soll, dann wehrt er nur ab;
-
Da erzählt mir stolz der Vater eines Jugendlichen: Mein
Sohn ist einer der besten in seiner Klasse. Meine Frau und ich, wir
wissen schon, was er einmal werden wird.
Da tritt jedes Mal, dieses eigenwillige Ich zutage – ich
weiß, was gut ist für mich und für die anderen. Wehe, wenn die eigenen Wege
dann durchkreuzt werden. Das ist für viele eine Katastrophe! Und: Gott ist
alles schuld, sitzt schnell auf der Anklagebank.
Auch Franziskus hatte eine vorher bestimmte Karriere: der
reiche Vater wollte aus ihm einen ebenso erfolgreichen Sohn machen; er
selbst wollte Ritter werden, von allen bewundert.
Nach und nach lernt er, sein eigenwilliges Ich aus dem Weg zu
räumen, nach und nach lernt er, die Situationen seines Lebens mit Kopf und
Herz zu befragen, worin sich da der Auftrag Gottes zeigt. Er hat seine Wege
immer wieder durchkreuzen lassen – bis er selbst die Wundmale des
Gekreuzigten an seinem Leib trug.
Wenn wir jetzt das Kreuz verehren und jeder und jeder
eingeladen ist, nach vorne zu kommen, dann wollen wir uns dabei begleiten
lassen von diesem Wort des Heiligen aus Assisi: „Räumt aus dem Weg euer
eigenwilliges Ich, und tragt sein heiliges Kreuz, befolgt bis zum Ende sein
heiligstes Gebot.“ |