16. März 2008 | Fastenpredigt

 

PALMSONNTAG

 

 

 

 

 

 

MIT-leiden

 

 

Aus dem Damals

wird ein Heute

 

Startseite | Impulse | Fastentuch | Fastenpredigten | Kalender | Kontakt | <<

FASTENPREDIGT

von Stadtdechant und Münsterpfarrer

Msgr. Wilfried Schumacher

am Palmsonntag, 16.03.2008

im Bonner Münster

 

Predigt herunterladen [PDF] | Predigt hören [Podcast]


Das Leiden unseres Herrn Jesus Christus nach Matthäus– ein bekannter Text, den wir mit mehr oder weniger Ergriffenheit hören. Zu bekannt sind uns die Einzelheiten – das nimmt uns kaum noch mit, nicht zuletzt weil wir den guten Ausgang der Geschichte kennen. Da gehen uns die Schreckensnachrichten aus der Tagesschau oder der Tageszeitung eher ans Herz. Doch über ein erstes Mitleiden und Mitempfinden kommen wir oft nicht hinaus.

 

Kann man sich Mitleid, kann man sich so ein Gefühl überhaupt leisten? Man hat zwar Angst vor dem eigenen Scheitern, aber das reicht dann auch mit den Gefühlen. Stefan Zweig spricht einmal vom „schwachmütigen, sentimentalen Mitleid“, das sich nur in der Ungeduld des Herzens zeige, möglichst schnell befreit zu werden von der Ergriffenheit von fremdem Unglück. Er nennt es die „instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele“. Er hat recht: am liebsten halten wir uns die Not und das Elend der anderen doch vom Leid.

 

Der heilige Franziskus, der uns in dieser Fastenzeit begleitet, geht einen anderen Weg. Er übt sich nicht in der Abwehr des Leidens, sondern in der „Compassion“. Ein Begriff, der zwar aus dem Amerikanischen kommt und „Mitleiden, Empfindsamkeit für das Leid des anderen zeigen“ bedeutet.

Das Wort "Mitleid" verweist zu sehr in die reine Gefühlswelt, und das Fremdwort "Empathie" klingt sehr unpolitisch und unsozial. „Compassion“ scheint treffender zu sein.

Franziskus beginnt damit, dass er „Freund und Vertrauter“ (3Gef 11) der Aussätzigen wird, die draußen vor der Stadt Assisi leben, ausgestoßen von der Gesellschaft, lebendig und doch tot. Von ihnen fand er den Weg zu Christus, dem Gekreuzigten. (2 Cel 85)

 

Die Entäußerung Gottes, der Weg der Demut in der Menschwerdung und die Identifikation Gottes mit dem Allerniedrigsten, von der in der heutigen Lesung die Rede war (Phil 2,6-11) bestimmt sein Denken (I Cel 84) Das ist für ihn keine Theorie, keine abstrakte theologische Formel, sondern erlebte Realität: „O, einen so heiligen und so lieben, wohlgefälligen, demütigen, Frieden stiftenden, liebenswürdigen und liebevollen und über alles zu ersehnen­den Bruder…zu haben, der sein Leben für seine Schafe hingegeben ... und für uns zum Vater gebetet hat“. (BrGl II,56)

 

Jesus ist ihm wirklich ein armer und demütiger Bruder. So wundert es nicht, wenn er mit besonderer Zärtlichkeit das Leiden Jesu Christi verehrte: „Mit lauter Stimme beklagte er das Leiden Christ, als ob es ihm immer vor Augen stünde. Mit seinem Schluchzen erfüllte er die Wege, keine Tröstung ließ er aufkommen, wenn er die Martern Christi bedachte.“ (2 Cel 11) Die Betrachtung des Leidens Jesu weckte in ihm die Compassion, ein zärtliches Mitleiden und Empfindsamkeit für das Leid des anderen. Aber aus dem „Damals“ muss ein „Heute“ werden.

 

Für Franziskus ist die Hinwendung zu den Armen die Konsequenz dieses Mit-Leidens mit Christus. Die Compassion mit dem Gekreuzigten spiegelt sich wieder in den Compassion mit den Leidenden Menschen. So wird das „damals“ zum „heute.

 

„Jesu erster Blick, galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen“. (Johann Baptist Metz) Das ist die Verkündigung und das Handeln des Franziskus.

 

Er nahm Abschied von einem Gott, der mit dem Rücken zur Leidensgeschichte der Menschen stehend, verkündet wurde. Gott steht nicht auf der Seite der Reichen und Mächtigen, er steht auf der Seite der Ohnmächtigen, Armen, Leidenden, Verkrüppelten und Entrechteten.

Plötzlich taucht eine neue Kreuzigungsdarstellung in der Kunst auf. Nicht mehr der thronende Gottessohn, einem König gleich, dem das Leiden nichts anhaben kann – so wie noch auf dem Fastentuch zu sehen.
Jetzt sehen die Menschen - zuerst in den Franziskanerkirchen - den Schmerzensmann, der zerschunden und zerschlagen am Kreuz hängt. Sie erleben: das Leiden unseres Herrn Jesus Christus ist Compassion mit uns.

 

Am Anfang der Bekehrung des Franziskus steht seine Begegnung mit dem Aussätzigen. Statt ihm ein Almosen hinzuwerfen, steigt er vom Pferd und gibt ihm ein Geldstück. Mehr noch: er küsst dem Aussätzigen die Hand!

 

Das ist der Weg der Compassion. Herabsteigen vom eigenen hohen Roß auf die Ebene der Armen, heißt: die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Wir finden dort „Hunger, chronische Krankheiten, Analphabetismus, Armut, Ungerechtigkeiten in den internationalen Beziehungen und besonders im Handel“, so beschreibt es vor über 30 Jahren Papst Paul VI. (Evangelii nuntiandi Nr.30) und es hat sich bis heute nichts geändert. Die Globalisierung hat vieles noch verschärft. Wir würden vielleicht für unser Land hinzufügen: wir sehen, wie der Zugang zur Bildung vielen verwehrt ist.

 

Compassion ist mehr als ein Gefühl. Auf unserem Fastentuch ist sie dargestellt in dem Symbol rechts unten: ich muss selbst zur Schale werden, mich beugen und mit meiner Existenz den anderen bergen. Dann werde ich erleben, wie das Mit-Leiden mich aus der Rolle des Zuschauers befreit und zum Handelnden macht. Nun so wird angesichts des Leidens unseres Herrn Jesus Christus nach Matthäus aus dem Damals ein Heute.

^


Start | Zurück | Impulse | Anleitung | Fastentuch | Fastenpredigt | Mittagsgebet | Kalender | Links | Service | SPENDEN | Kontakt

© Citypastoral Bonn | Impressum | Rechtliches | Grafiken & Fotos: N.Bach