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FASTENPREDIGT
von Stadtdechant
und Münsterpfarrer
Msgr. Wilfried
Schumacher
am fünften Sonntag der
Fastenzeit, 17.02.2008
im Bonner Münster
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Als am vergangenen Sonntag der neue Bischof von Speyer in
sein Amt eingeführt wurde, lud er anschließend die Menschen ein, aus dem
Brunnen vor dem Dom zu trinken.
Der „Domnapf“ war gefüllt mit 1000 Liter Wein. Eine große
Fülle ergoss sich in die Gläser der Menschen, wie immer wenn ein neuer
Bischof in die Stadt kommt und dies schon seit vielen Hundert Jahren. Wir
kennen es aus dem eigenen Leben, wenn ein Kind geboren wird, wenn man
heiratet, ein Jubiläum feiert, einen runden Geburtstag – dann schaut man
nicht auf den Euro. Man fühlt sich beschenkt mit einem Kind, mit einem
Partner, einer Partnerin, mit vielen Lebensjahren oder wie am vergangenen
Sonntag mit einem Bischof - und beschenkt die Mitfeiernden aus der Fülle.
In diesen Wochen der Fastenzeit begleitet uns in unserem
Münster die Gestalt des hl. Franziskus. In den Texten, die von ihm
überliefert sind, liest man in vielen Zeilen von der Fülle, die er empfangen
hat. Angefangen von der Begegnung mit dem Aussätzigen, die er als Geschenk
empfindet („der Herr hat mir gegeben“ – Test 1) bis etwa zu dem Text, den er
seinem Mitbruder Leo übermittelt:
Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, „der du
Wunderwerke vollbringst" (Ps 76, 15).
Du bist der Starke. Du bist der Erhabenste.
Du bist das Gute, jegliches Gut, das höchste Gut, der
Herr, der lebendige und wahre Gott
Du bist die Liebe,
Du bist die Schönheit. Du bist die Milde. Du bist die
Sicherheit. Du bist die Ruhe.
Du bist die Freude. Du bist unsere Hoffnung und
Fröhlichkeit.
Du bist die Gerechtigkeit. Du bist das Maßhalten.
Du bist all unser Reichtum zur Genüge.(LobGott – Auszüge)
Das ist überfließende Fülle, die man nicht für sich behalten
kann. Wer soviel Liebe erfahren hat, der kann nicht anders als sie
weitergeben.
Die Großzügigkeit des Heiligen gegenüber den Armen ist ein
Kennzeichen seines Charakters. Dabei geht es ihm nicht um ein Almosen aus
der Haltung des Reichen, der aus seinem Überfluß gibt. Das war seine Haltung
vor seiner Bekehrung. Ein Almosen hinwerfen und schnell weg reiten.
Franziskus geht es nicht zuerst um materielle Gaben, sondern
um eine Lebenshaltung: „Die Brüder müssen sich freuen“, schreibt er in einer
seiner Regeln (NbReg 9), „wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten
verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Weg“.
Der Weg führt an den Rand, um dort den größten Reichtum, den
man hat, das Leben, mit den Menschen zu teilen. Der Euro, den man gibt, mag
vielleicht eine schnelle Hilfe sein, aber sie gibt dem anderen keine Würde.
Er bleibt in seiner Welt und ich in meiner. Mit ihm das Leben zu teilen,
heißt ihn lieben um seiner selbst willen, heißt, an seiner Seite zu sein.
Ich möchte, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt und
mich versteht – heißt es in einem neuen geistlichen Lied. Wussten sie schon,
dass die nähe eines menschen gesund machen kann. dass das kommen eines
menschen wieder leben lässt? fragt Wilhelm Willms.
Franziskus war kein Mann von Sozialprogrammen, stattdessen
gab er das letzte Kleidungsstück, das er besaß, die letzte Bibel im Kloster
oder den Schmuck der Muttergottesstatue. Er muss teilen, was er hat.
Sein Biograph Thomas von Celano zieht einen Vergleich, der
uns in einer Martinsgemeinde gewiss freuen wird: „Was tat er (Franziskus)
Geringeres als jener heilige Martin? Hatten sie doch den gleichen Vorsatz
und taten das gleiche Werk……Beide aber lebten arm und anspruchslos in der
Welt, beide gingen reich in den Himmel ein".
Heute ist MISEREOR-Sonntag. Das diesjährige Motto „Mit Zorn
und Zärtlichkeit an der Seite der Armen“ könnte von Franziskus stammen. Von
seiner Zärtlichkeit haben wir schon viel gehört, von seinem Zorn erzählt die
Dreigefährtenlegende: Es geschah aber, dass er eben damals eine Wallfahrt
nach Rom unternahm. Als er die Kirche des heiligen Petrus" betrat, sah er,
wie kärglich die Spenden mancher Leute waren. Da sprach er bei sich: „Wenn
man doch den Fürsten der Apostel hochherzig verehren muss, warum geben dann
diese Leute da so kärgliche Spenden in der Kirche, wo sein Leib ruht?" Und
so griff er in heiligem Eifer nach der Börse und zog sie heraus; sie war
gefüllt mit Geld. Dieses warf er durch die Öffnung des Altares und
verursachte damit solchen Lärm, dass alle Herumstehenden über die
hochherzige Spende in größte Verwunderung gerieten. (3 Gef 10)
Die Spende für MISEREOR muss mehr sein als ein bloßes
Almosen. Mit ihr ermöglichen wir Menschen aus ihren Gräbern herauszukommen,
wie Lazarus, von dem unser heutiges Evangelium erzählte. Unser Geld stärkt
die Menschen vor Ort, die das Leben mit den Armen teilen und ihnen Wege aus
ihren Gräbern eröffnen:
den Flüchtlingen, den Land- und Wohnungslosen, die wieder
Heimat finden,
den an Aids erkrankten Frauen, Männer und Kinder, die in der
Mitte ihrer Gesellschaft in Würde die Zeit ihres Sterbens erleben dürfen,
allen denen, die aus Armut und Hunger, aus vermeidbarer
Krankheit, aus ausbeuterischen Arbeit und struktureller Ungerechtigkeit
befreit werden.
Die Massenkommunikationsmittel haben unseren Planeten kleiner
werden lassen. Wir erfahren viel schneller und viel direkter von den Nöten
der Menschen. Franziskus traf den Aussätzigen vor seiner Stadt. Gewiss gibt
es auch in unserem Land Not und Armut, aber durch Radio, Fernsehen und
Internet liegen die Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika jetzt direkt
vor unserer Haustür.
Auf unserem Fastentuch sehen wir rechts in der
Mitte eine Hand, die die Fülle nicht halten kann. Sie sprudelt darüber
hinaus. Seien wir nicht nur heute verschwenderisch im Lieben und im Geben,
denn gebremste Liebe ist ein innerer Widerspruch. |