09. März 2008 | Fastenpredigt

 

Fünfter Sonntag

der Fastenzeit

PASSIONSSONNTAG

 

 

 

 

 

 

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FASTENPREDIGT

von Stadtdechant und Münsterpfarrer

Msgr. Wilfried Schumacher

am fünften Sonntag der Fastenzeit, 17.02.2008

im Bonner Münster

 

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Als am vergangenen Sonntag der neue Bischof von Speyer in sein Amt eingeführt wurde, lud er anschließend die Menschen ein, aus dem Brunnen vor dem Dom zu trinken.

Der „Domnapf“ war gefüllt mit 1000 Liter Wein. Eine große Fülle ergoss sich in die Gläser der Menschen, wie immer wenn ein neuer Bischof in die Stadt kommt und dies schon seit vielen Hundert Jahren. Wir kennen es aus dem eigenen Leben, wenn ein Kind geboren wird, wenn man heiratet, ein Jubiläum feiert, einen runden Geburtstag – dann schaut man nicht auf den Euro. Man fühlt sich beschenkt mit einem Kind, mit einem Partner, einer Partnerin, mit vielen Lebensjahren oder wie am vergangenen Sonntag mit einem Bischof - und beschenkt die Mitfeiernden aus der Fülle.

 

In diesen Wochen der Fastenzeit begleitet uns in unserem Münster die Gestalt des hl. Franziskus. In den Texten, die von ihm überliefert sind, liest man in vielen Zeilen von der Fülle, die er empfangen hat. Angefangen von der Begegnung mit dem Aussätzigen, die er als Geschenk empfindet („der Herr hat mir gegeben“ – Test 1) bis etwa zu dem Text, den er seinem Mitbruder Leo übermittelt:

Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, „der du Wunderwerke vollbringst" (Ps 76, 15).

Du bist der Starke. Du bist der Erhabenste.

Du bist das Gute, jegliches Gut, das höchste Gut, der Herr, der leben­dige und wahre Gott

Du bist die Liebe,

Du bist die Schönheit. Du bist die Milde. Du bist die Sicherheit. Du bist die Ruhe.

Du bist die Freude. Du bist unsere Hoffnung und Fröhlichkeit.

Du bist die Gerechtigkeit. Du bist das Maßhalten.

Du bist all unser Reichtum zur Genüge.(LobGott – Auszüge)

 

Das ist überfließende Fülle, die man nicht für sich behalten kann. Wer soviel Liebe erfahren hat, der kann nicht anders als sie weitergeben.

 

Die Großzügigkeit des Heiligen gegenüber den Armen ist ein Kennzeichen seines Charakters. Dabei geht es ihm nicht um ein Almosen aus der Haltung des Reichen, der aus seinem Überfluß gibt. Das war seine Haltung vor seiner Bekehrung. Ein Almosen hinwerfen und schnell weg reiten.

Franziskus geht es nicht zuerst um materielle Gaben, sondern um eine Lebenshaltung: „Die Brüder müssen sich freuen“, schreibt er in einer seiner Regeln (NbReg 9), „wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und Schwachen und Aussätzigen und Bettlern am Weg“.

Der Weg führt an den Rand, um dort den größten Reichtum, den man hat, das Leben, mit den Menschen zu teilen. Der Euro, den man gibt, mag vielleicht eine schnelle Hilfe sein, aber sie gibt dem anderen keine Würde. Er bleibt in seiner Welt und ich in meiner. Mit ihm das Leben zu teilen, heißt ihn lieben um seiner selbst willen, heißt, an seiner Seite zu sein.

 

Ich möchte, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt und mich versteht – heißt es in einem neuen geistlichen Lied. Wussten sie schon, dass die nähe eines menschen gesund machen kann. dass das kommen eines menschen wieder leben lässt? fragt Wilhelm Willms.

 

Franziskus war kein Mann von Sozialprogrammen, stattdessen gab er das letzte Kleidungsstück, das er besaß, die letzte Bibel im Kloster oder den Schmuck der Muttergottesstatue. Er muss teilen, was er hat.

 

Sein Biograph Thomas von Celano zieht einen Vergleich, der uns in einer Martinsgemeinde gewiss freuen wird: „Was tat er (Franziskus) Geringeres als jener heilige Martin? Hatten sie doch den gleichen Vorsatz und taten das gleiche Werk……Beide aber lebten arm und anspruchslos in der Welt, beide gingen reich in den Himmel ein".

 

Heute ist MISEREOR-Sonntag. Das diesjährige Motto „Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen“ könnte von Franziskus stammen. Von seiner Zärtlichkeit haben wir schon viel gehört, von seinem Zorn erzählt die Dreigefährtenlegende:  Es geschah aber, dass er eben damals eine Wallfahrt nach Rom unternahm. Als er die Kirche des heiligen Petrus" betrat, sah er, wie kärglich die Spenden mancher Leute waren. Da sprach er bei sich: „Wenn man doch den Fürsten der Apostel hochherzig verehren muss, warum geben dann diese Leute da so kärgliche Spenden in der Kirche, wo sein Leib ruht?" Und so griff er in heiligem Eifer nach der Börse und zog sie heraus; sie war gefüllt mit Geld. Dieses warf er durch die Öffnung des Altares und verursachte damit solchen Lärm, dass alle Herumstehenden über die hochherzige Spende in größte Verwunderung gerieten. (3 Gef 10)

 

Die Spende für MISEREOR muss mehr sein als ein bloßes Almosen. Mit ihr ermöglichen wir Menschen aus ihren Gräbern herauszukommen, wie Lazarus, von dem unser heutiges Evangelium erzählte. Unser Geld stärkt die Menschen vor Ort, die das Leben mit den Armen teilen und ihnen Wege aus ihren Gräbern eröffnen:

den Flüchtlingen, den Land- und Wohnungslosen, die wieder Heimat finden,

den an Aids erkrankten Frauen, Männer und Kinder, die in der Mitte ihrer Gesellschaft in Würde die Zeit ihres Sterbens erleben dürfen,

allen denen, die  aus Armut und Hunger, aus vermeidbarer Krankheit, aus ausbeuterischen Arbeit und struktureller Ungerechtigkeit befreit werden.

 

Die Massenkommunikationsmittel haben unseren Planeten kleiner werden lassen. Wir erfahren viel schneller und viel direkter von den Nöten der Menschen. Franziskus traf den Aussätzigen vor seiner Stadt. Gewiss gibt es auch in unserem Land Not und Armut, aber durch Radio, Fernsehen und Internet liegen die Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika jetzt direkt vor unserer Haustür.

 

Auf unserem Fastentuch sehen wir rechts in der Mitte eine Hand, die die Fülle nicht halten kann. Sie sprudelt darüber hinaus. Seien wir nicht nur heute verschwenderisch im Lieben und im Geben, denn gebremste Liebe ist ein innerer Widerspruch.

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