08. April 2007 | Predigt

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OSTERN

 

Hochfest der Auferstehung

des Herrn

PREDIGT

von Stadtdechant und Münsterpfarrer

Wilfried Schumacher

in der Osternacht am 08.04.2007

im Bonner Münster

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1.Teil der Predigt

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Taufbewerber,

 

zu den unangenehmen Erinnerungen meiner Kindheit zählen die Gelegenheiten, wenn ich in den Keller gehen musste, um Briketts oder Lebensmittel nach oben zu holen. Es gab nur spärliches Licht und deshalb gab es auch eine Menge dunkler Ecken, die unheimlich waren und Angst machten.

 

Die Dunkelheit macht uns Menschen Angst und auch wenn wir hinabsteigen, die Erdoberfläche verlassen, dann schmeckt das nicht immer nur nach Abenteuer, sondern hat etwas unheimliches, vielleicht sogar etwas archaisches:

die Juden kennen die Scheol, eine Art  "Unterwelt", in der sich die Verstorbenen aufhalten. Für die alten Ägypter begann die Reise in das Reich des Todes jeden Abend mit dem Sonnenuntergang und dem Einbruch der Dunkelheit, die Griechen kennen den Hades und selbst bei Harry Potter führt der Weg zur „underworld of death“ über eine „endlose, schleimige, dunkle Rutschbahn" hinab.

 

Ich lade heute die Taufbewerber ein, gleich mit den Priestern auch hinabzusteigen in die Dunkelheit der Krypta, wo wir am Karfreitag das Kreuz beigesetzt haben. So wie die Frauen sich am Ostermorgen zum Grab aufgemacht haben, wollen wir hinabsteigen in die Grabeskapelle dieser Basilika, denn zu diesem Zweck ist die Krypta einst gebaut worden.

 

Wir nehmen dabei unsere eigenen Todeserfahrungen und die unserer Zeitgenossen mit:

  • Da, wo das Leben zu kurz kommt oder ganz auf der Strecke bleibt;

  • Da wo Menschen mundtot gemacht werden oder unter die Räder kommen;

  • Da wo die eigenen Fehler uns unbeweglich machen;

 

Von Nelly Sachs stammt ein Gedicht, in dem es heißt:

Die Auferstehungen deiner unsichtbaren Frühlinge

sind in Tränen gebadet.

Der Himmel übt an dir Zerbrechen.

Du bist in der Gnade.

 

Das Leid, das wir mit uns herumschleppen, aber auch das, von dem die Nachrichten täglich erzählen, die Ohnmacht gegenüber dem Terror und der Gewalt, die wirtschaftlichen Interessen, die oft brutal und ohne Rücksicht auf die Umwelt und die nachfolgenden Generationen durchgesetzt werden, können einem schon die Tränen in die Augen treiben.

 

Wir erleben das Zerbrechen – wer ist schon davon frei? Mag auch die äußere Fassade noch so schön sein. Wer zerbricht nicht, wenn der Partner plötzlich vom Krebs gezeichnet ist oder wenn der Lebensentwurf, der Traum vom Leben zerplatz wie eine Seifenblase. Unsere Tränen weinen wir nicht auf dem Marktplatz, aber wir weinen sie in den Nächten des Alleinseins.

 

Wo ist der, der die Tränen abwischt und tröstet? Wo ist der Heiland, der uns vor dem Zerbrechen bewahrt?

 

 

[OSTEREVANGELIUM]

 


 

 

2. Teil der Predigt

 

Haben Sie das Bild noch vor Augen? Dieser Zug, der da eben singend aus der Krypta kam? Allen voran das Kreuz – wie ein Feldzeichen, dahinter die Taufbewerber.

 

Bei den Römern gab das „Feldzeichen“, das den Legionen und Zenturien vorangetragen wurde, Auskunft über die Soldaten, die ihm folgten. War es eine siegreiche Truppe, dann war die Stange mit vielen Auszeichnungen geschmückt, war es eher ein „lahmer Haufen“ dann gab es nur eine dürre Stange.

 

Das Kreuz als Feldzeichen für die Christen, verbunden mit der österlichen Botschaft: Der Gekreuzigte lebt, er ist auferstanden! „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“, haben die Engel die Frauen und auch uns gefragt.

 

Nein wir wollen nicht in der Dunkelheit des Todes verweilen, wir nehmen das Kreuz und tragen es uns als Zeichen der Hoffnung voran. Es ist das Zeichen der verschwenderischen Liebe Gottes, der um des armseligen Geschöpfes Mensch willen selbst ein Mensch geworden war. Es ist das Zeichen der Ohnmacht Gottes, die die Macht des Todes überwunden hat.

 

Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden,
sind in seinen Tod getauft.
Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod;
und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters
von den Toten auferweckt wurde,
so sollen auch wir als neue Menschen leben,

sagt uns der Apostel Paulus im Römerbrief.

 

Neue Menschen, die das Kreuz als Siegeszeichen vorantragen.

 

Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat einmal in einem Ostergruß allen „Osteraugen“ gewünscht.

 

Dabei bezog er sich auf einen Brauch in der Gegend von Piemont. Wenn am Morgen des Ostersonntags zum ersten Mal die Glocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene an den Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit dem kühlen, klaren Brunnenwasser. Manche wissen wahrscheinlich gar nicht mehr warum sie zum Brunnen laufen. Ursprünglich war es eine Art Gebet: man wollte Osteraugen haben, die klarer sehen, was an Ostern geschehen ist.

 

Immer wieder hören wir in den Evangelien, dass die Menschen den Auferstandenen nicht erkannten, dass ihre Augen gehalten waren, sie mit Blindheit geschlagen waren. Es scheint, dass wir wirklich „Osteraugen“ brauchen, ein Sehen, das uns geschenkt wird.

 

Die Taufe will Ihnen heute dieses österliche Sehen schenken und uns alle neu in der Pflicht nehmen. Es geht nicht nur darum, zu sehen, wo der Auferstandene am Werk ist, sondern auch wo dem Tod das Handwerk gelegt werden muss.

 

Österliche Menschen lassen den Tod nicht einfach zu:

Dort wo Schuld ist, suchen sie zu vergeben;

Dort wo Trennung herrscht, bemühen sie sich um Einheit;

Dort wo Wunden schmerzen, wollen sie heilen.

 

Österliche Menschen sehen die Tränen in den Augen der anderen und wischen sie ab, damit auch sie einen klaren Blick bekommen.

Österliche Menschen nehmen wahr, wo andere zu zerbrechen drohen.

 

Österliche Menschen lassen es nicht zu, wenn sich eine Gesellschaft, in der sich Jugendliche ins Koma saufen und die Klimakatastrophe aus wirtschaftlichem Interesse schöngeredet wird, auf einer endlosen, schleimigen, dunklen Rutschbahn in die Unterwelt des Todes befindet.

 

Ja, wir brauchen „Osteraugen“, um zu sehen und zu handeln. Das Kreuz ist ein „Feldzeichen“ und kein Pausenzeichen. Nehmen wir den Kampf mit dem Tod auf! Der Gekreuzigte hat ihn schon für uns gewonnen.

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