06. April 2007 | Predigt

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KARFREITAG

PREDIGT

von Stadtdechant und Münsterpfarrer

Wilfried Schumacher

am Karfreitag, 06.04.2007

im Bonner Münster


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Vor einigen Jahren machte der Film „Passion“ von Mel Gibson Schlagzeilen. Mit brutaler Realität zeigte er den Kreuzweg Jesu. Da spritzte das Blut, sah man in die Fratzen brutaler Soldaten, hörte man die Geißelungsschläge. Viele Zuschauer waren entsetzt: so hatte man sich den Kreuzweg nicht vorgestellt!

 

Man kannte zwar die Brutalitäten aus den Evangelien, aber mit ein bisschen Bach unterlegt versetzt einen das „Haupt voll Blut und Wunden“ nicht in Schrecken, sondern allenfalls in die rechte, fromme Stimmung.

 

Der Kreuzweg aber war brutal, Jesus ausgeliefert den römischen Soldaten, die ihn wie einen Verbrecher behandelten, der keine Menschenwürde mehr besaß.

 

Die Volksfrömmigkeit hat schon sehr bald in diesen Weg der Grausamkeiten zwei Geschichten hineinerzählt, die biblisch nicht belegt sind: die Begegnung Jesu mit seiner Mutter und mit Veronika – auf dem Weg der Unbarmherzigkeit Stationen der Barmherzigkeit.

 

Die Mutter, die Jesus das Zeugnis gibt, das nur eine Mutter gibt: ich bin bei dir auch auf diesem Weg. Von Mel Gibson in seinem Film, der übrigens heute Abend zu später Stunde auf Pro Sieben gezeigt wird, meisterhaft dargestellt. In die Begegnung auf dem Kreuzweg werden Bilder aus der Kindheit hinein geschnitten. Der Beistand der Mutter bleibt ein Leben lang gleich.

Und dann das unerschrockene Handeln der Veronika. Ihr Name steht schon im apokryphen Nikodemusevangelium und wird dort mit der blutflüssigen Frau in Verbindung gebracht, die Jesus geheilt hat. Sie durchbricht die Brutalität der Soldaten, ist nicht gelähmt wie die ängstlichen Jünger. Sie ist der gütige Mensch, der den Mut der Güte auch in dieser Situation behält.

 

Sie reicht dem Herrn ein Tuch, damit er etwas Erfrischung findet. Als sie das Tuch zurückerhält, bleibt der Abdruck des geschundenen, vom Schmerz gezeichneten Antlitzes des Herrn im Tuch zurück. So erzählt es sich das Volk.

Sehr bald wurde im  Mittelalter ein Tuch mit einem Menschenantlitz, das in St. Peter in Rom aufbewahrt wurde, mit diesem Schweißtuch der Veronika gleichgesetzt und zur wertvollsten Reliquie der Christenheit. In der Zeit der Reformation wurde sie zum großen Zankapfel.

 

In der christlichen Kunst wurde das Schweißtuch der Veronika zum Thema. Etwa aus dem Jahre 1300 stammt das Fresko im rechten Querschiff, das das „Vera eikon“ – das „wahre Bild“ Christi zeigt. Auch auf unserem Fastentuch war es zu sehen.

 

Schauen wir noch einmal auf den Kreuzweg, auf die Unbarmherzigkeit der Welt, die sich dort offenbart in der Brutalität der Soldaten, in der aufgebrachten Menge, verführt, geifernd, und in der Teilnahmslosigkeit der Zuschauer. Der Kreuzweg von Jerusalem ist zwar einmalig, aber er bildet alle die Kreuzwege ab, die Menschen heute gehen müssen.

 

Als Gegenbild zu dieser Welt sehen wir Jesus. In ihm wollte Gott unüberbietbar deutlich machen, was seine Option ist. „Im Geheimnis des Kreuzes offenbart sich in aller Fülle die uneingeschränkte Macht, mit der sich der himmlische Vater erbarmt.“, sagte der Papst in seiner Botschaft zur Fastenzeit und er fügt hinzu: „Im Kreuz enthüllt sich Gottes Eros zu uns.“ Eros ist jene Kraft, „die es dem Liebenden nicht erlaubt, in sich selbst zu verweilen, sondern ihn drängt, sich mit dem Geliebten zu vereinigen“ (Pseudo-Dionysius)

Im Kreuz und ich möchte das Papstwort ergänzen: und schon auf dem Weg dorthin enthüllt sich Gottes Eros zu uns.

 

So verstanden wird die Tat der Veronika zu einer Antwort der von Jesus Geliebten. Ihr Werk der Barmherzigkeit ist die Tat einer Liebenden – das ist nicht ein Mitgefühl, nicht nur Mitleid, sondern eine Hinwendung, die aus der eigenen Tiefe kommt. Barmherzigkeit ist nicht bloße Humanität, sondern Abbild der göttlichen Zuwendung zu uns Menschen.

 

Deshalb ist das Abbild auf ihrem Schweißtuch zweitrangig, viel wichtiger ist das Bild, das sich in ihrem Herzen eingeprägt hat. Sie ist vom Herrn in der Tiefe ihrer Existenz berührt worden.

 

Es ist der letzte Dienst, der ihm getan wird. Danach gilt das Wort aus dem Matthäus-Evangelium: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

Das Antlitz Jesu begegnet uns heute in jedem leidenden, oft  gesichtslosen Menschen. Alle Tücher der Welt würden nicht ausreichen, dass viele Leid wegzuwischen. Leid an Leib und Seele. Viele Menschen hungern und dürsten nach unserer Barmherzigkeit: die Heimatlosen und Kranken, die Einsamen und Ausgestoßenen, die Ungewollten, die Süchtigen.
 

Sie alle brauchen Menschen, die sich nicht mitreißen lassen vom Strom der Welt, sondern gegen die Wellen der Gewalt, des Hasses, der Kälte, der Teilnahmslosigkeit die eigene Barmherzigkeit stellen. In einer Geste von Zuwendung, Liebe, Treue und Verlässlichkeit geben diese die Berührung Gottes, die sie selbst erlebt haben, weiter und werden erneut von Gott berührt.

 

So lade ich Sie ein, bei der Kreuzverehrung heute voll Dankbarkeit auf den Herrn zu schauen, in dessen Tod am Kreuz sich Gottes Eros zu uns Menschen enthüllt hat, aber auch auf die vielen Veronikas, die an den Kreuzwegen dieser Welt stehen und zu einer Bastion der Barmherzigkeit in dieser oft unbarmherzigen Welt werden.

 

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Die Lesungen der Liturgie

  • Jes 52,13-53,12

  • Hebr 4,14-16; 5,7-9

  • Joh 18,1-19,4

 

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