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PREDIGT
von Stadtdechant
und Münsterpfarrer
Wilfried
Schumacher
am Karfreitag, 06.04.2007
im Bonner Münster
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Ich kenne Menschen, die gehen mehrmals in denselben Film,
obwohl sie Handlung und Ausgang kennen. Sie ergötzen sich an den Bildern, am
Schauspiel, an der Musik. Andere greifen mehrmals zum selben Buch, obwohl
sie wissen, wie es ausgeht. Aber die Sprache fasziniert sie, die Bilder
regen immer neu ihre Phantasie an. Es besteht die Gefahr, dass wir so auch
durch diese Kartage gehen. Weil wir das Ende kennen, ist alles halb so wild.
Besonders der Karfreitag kann uns nicht mehr so richtig schrecken.
Was aber wäre, wenn wir uns wie die Jünger mit dem Herrn
aufmachen, in diese Tage zu gehen. Dann wären die Stunden des heutigen Tages
zu erst einmal geprägt von großer Angst. Man müsste schon mit geschlossenen
Augen und Ohren durch die Stadt Jerusalem laufen, um nicht mitzubekommen,
was sich da zusammenbraut. Und wer die Worte Jesu aufmerksam gehört hat,
weiß, jetzt wird es ernst, todernst.
„Wenn ich über die Erde erhöht bin", sagt Jesus, „werde
ich alle zu mir ziehen".
Alle, sagt er – und damit meint er die vielen Leidenden
dieser Welt:
-
Die Schwerkranken, die
dem Tod entgegengehen,
-
die Heimat- und
Obdachlosen,
-
die vielen Gescheiterten,
-
die Behinderten, die
keine besondere Fürsorge erfahren,
-
die elternlosen Kindern
auf den Straßen Brasilien
-
ebenso wie halbwüchsige
Mädchen und Jungen, die in Bangkok als Prostituierte feilgeboten werden,
-
die erschöpften Menschen
in weiten Teilen Afrikas, die hoffnungslos durch das ausgedörrte Land
wandern,
-
die Millionen, die
hungern,
-
die Opfer grausamer
Kriege und Völkermorde.
Er meint aber auch mich, jede und jeden einzelnen von uns in
ihrer Bedürftigkeit, in unserem ganz persönlich erfahrenen Leid. Wir wissen,
dass so mancher Trost nicht greift und der beste Optimismus nicht
weiterhilft. Jeder von uns hat sein eigenes, ganz persönliches Leid und muss
es leben. Aber für jeden von uns gilt, dass unser eigenes Leid zugleich das
Leid aller, das Leid der Welt abbildet.
An diesem Abend muss niemand seine eigene kleine Welt, aber
auch nicht die große Welt schönreden. Es gibt genug, die der erhöhte
Christus an sich ziehen muss. Es gibt genug Grund, sich zu ängstigen.
Es ist wohl göttliche Pädagogik: in diese Stimmung hinein die
Erfahrung des Abendmahlssaales zu setzen.
Zuerst einmal geht es um das jüdische Pessachmahl. Aber mit
der Erinnerung an die guten Erfahrungen des Volkes mit Gott, der sie nicht
nur einmal aus der Knechtschaft befreit hat, ist es nicht allein getan.
„Nehmt, esst und trinkt, das ist mein Leib, das ist mein
Blut.“ Durch die Einsetzung der Eucharistie nimmt Jesu seinen Tod und
seine Auferstehung vorweg. Brot und Wein werden so zu Zeichen der bleibenden
Gegenwart des Herrn, auch dann, wenn er nicht mehr unter menschlichen
Bedingungen unter den Seinen ist
Die eucharistische Speise wird zur eisernen Ration des
Christen, zur Wegzehrung, wohin der Weg auch führen mag. Der Herr selbst
will uns auf der Zunge liegen: intimer geht es wohl kaum,
er will sich einverleiben lassen, innerlicher kann es kaum
noch sein.
Das Abendmahl ist die Speise gegen alle Todesangst.
Nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes ist dieses
Abendmahl auch die Stunde der Fußwaschung. Der Herr gibt seinen Jüngern ein
zweites Zeichen seiner Gegenwart. Die Fußwaschung. Ein Beispiel hat er uns
gegeben – ein Beispiel des Dienstes.
Ein Tun, das in unserer Gesellschaft, die oft eine
„Ich-Gesellschaft“ ist, völlig abwegig zu sein scheint. Der Vorteil des
„Ego“ steht dort an erster Stelle. Was bringt mir das ein, was habe ich
davon – so wird gefragt.
Eine „Ich-Gesellschaft“ kennt das Wort „Dienen“ nicht.
Deshalb haben wir ganz schnell ein Ersatzwort geschaffen „Dienstleistung“.
Dahinter verbirgt sich ein „Dienst“, den man bezahlen muss. „Dienen“, das
nur solange anhält, wie der Euro rollt.
Der Herr selbst verbindet das Abendmahl mit der Fußwaschung.
Die Beziehung zu Gott und der Dienst am Nächsten sind miteinander verbunden.
„Gottesliebe und Nächstenliebe sind nun wirklich vereint“, sagt unser
Papst (Deus caritas est).
Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung
mit allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für
mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die
die Seinigen geworden sind oder werden sollen. (ebd.)
In
dieser Fastenzeit hat uns das Fastentuch begleitet. Bilder der
Barmherzigkeiten und eine große Rose, die erinnert an das Rosenwunder der
Heiligen Elisabeth.
Sie erinnert mich an die kleine Geschichte, die Sie
vielleicht kennen. Rainer
Maria Rilke ging in der Zeit seines Pariser Aufenthaltes regelmäßig über
einen Platz, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt.
Ohne je aufzublicken, ohne ein Zeichen des Bittens oder
Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort.
Rilke gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf ihr
häufig ein Geldstück hin.
Eines Tages fragte die Französin verwundert, warum er ihr
nichts gebe. Rilke antwortete: "Wir müssen ihrem
Herzen schenken, nicht ihrer Hand."
Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße
Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte
weitergehen.
Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah
den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden
Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem
sie vorher gebettelt hatte, blieb leer.
Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten
Stelle. Sie war stumm wie damals, wiederum nur wieder ihre Bedürftigkeit
zeigend durch die ausgestreckte Hand.
"Aber wovon hat sie denn in all den Tagen gelebt?" fragte die
Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose..."
Man kann gewiss von der Rose leben, von vielen kleinen
Aufmerksamkeiten, die gewiss jeder von uns aufzählen kann. Aber Rosen
verblühen und verwelken. Ihr Duft lässt nach und ihre Farben verblassen.
Da sind die Zeichen des Abendmahlssaals beständiger. Sie
nehmen uns die Angst davor, allein und ausgeliefert zu sein. Sie erzählen
von der Gegenwart Gottes.
So gestärkt können wir nach Gethsemani gehen. |