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FASTENPREDIGT
von Stadtdechant
und Münsterpfarrer
Wilfried
Schumacher
am fünften Fastensonntag, 25.03.2007
im Bonner Münster
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Kennen Sie Knut? Der kleine Eisbär aus dem Berliner Zoo macht
in diesen Wochen Schlagzeilen mit eigenen TV-Shows, Live-Übertragungen aus
dem Zoo, Fotoserien in den Zeitungen. Sogar in die Tagesschau hat es Knut
geschafft. Zwischen Mord und Totschlag, Bildern vom Krieg aus Irak, Streit
in der Politik, zwischen all’ diesen „bad news“ läuft ein tapsiger kleiner
Eisbär über den Bildschirm. Knut tut gut. Er hat – so liest man – einen
„hohen Knuddelfaktor“.
Ein neudeutsches Wort „Knuddelfaktor“ – verständlicherweise
angewendet auf einen kleinen Eisbären, aber natürlich auch auf Menschen.
Schaut man ins Internet dann wird man viele Dinge mit Knuddelfaktor finden:
Computerspiele ebenso wie Kinofilme, Bildschirmschoner haben einen
Knuddelfaktor genauso wie Autos.
Knuddelfaktor – das heißt doch wohl, dass wir zu bestimmten
Menschen, Tieren, aber auch Dingen eine gefühlsmäßige Beziehung aufbauen.
Je weniger uns dies bei Menschen möglich ist, umso eher wenden wir uns
Tieren, ja sogar Dingen zu.
Der kleine Eisbär Knut und der Medienrummel um ihn erzählen
von der großen Sehnsucht der Menschen nach Nähe.
„Der Weg zum Nahen ist für uns Menschen jederzeit der
weiteste und auch der schwerste“, sagt Martin
Heidegger. Vielleicht richten wir deshalb unsere Gefühle auf kleine
Eisbären oder Computerspiele.
Von der „Barmherzigkeit“ ist die Rede in unseren
sonntagabendlichen Betrachtungen. Betrachten wir heute die Intimität und
Nähe der Barmherzigkeit.
Barmherzigkeit, Erbarmen im hebräischen Rachamim, der Plural
von Rechem, Mutterschoß. Gibt es einen intimeren Ort? Gibt es einen anderen
Ort, an dem mehr Nähe erfahren wird, als dort, wo das Kind im Leib der
Mutter heranwächst? Deshalb geht Barmherzigkeit einher mit Nähe und
Intimität.
Die Fähigkeit, uns dem anderen zu nähern, fällt uns nicht zu.
Sie ist das Ergebnis einer Bereitschaft, sich auf die Begegnung mit dem
anderen einzulassen.
Diese Bereitschaft hat ihr Fundament im sicheren Gefühl der
eigenen Identität. Das schöne Wort „Ich liebe Dich“ oder auch nur „ich mag
dich“ oder „ich will dir nahe sein“ beginnt mit dem Wort „Ich“.
Wer noch nicht wirklich überzeugend „Ich“ sagen kann, wer
noch nicht zu seiner eigenen Identität gefunden hat, kann sich nicht auf den
Weg zum andern machen.
„Das kleine Ich bin Ich“, heißt ein Kinderbuch von
Mira Lobe. Ein Phantasiewesen, ein kleines buntes Tier, zieht darin durch
die Welt. Ein Laubfrosch stürzt es in eine große Krise: „Wer bist denn du?“
fragt er. „ Das weiß ich nicht“, lautet die Antwort und es macht sich auf
eine weite Reise bis es schließlich an den Punkt kommt, an dem es sagen kann
„Ich bin ich“. Diesen Weg muss jeder zurückgelegt haben bevor er zur Nähe
fähig ist.
Alles, was wir mit Intimität verbinden: Wärme, Tiefe,
Verwundbarkeit, Echtheit, Kameradschaft, Freundschaft, Partnerschaft,
Offenheit, Vertrauen, Treue – kommt aus dem Innersten und suchte das
Innerste des Anderen. Nur so können wir andere näher, tiefer, innerlicher
erfahren, nur so bleiben wir nicht an der Oberfläche, nur so berühren wir
ihn.
Erschrecken Sie nicht, wenn ich in diesem Zusammenhang von
Eros spreche, so wie es der Papst in seiner Enzyklika und in seiner
Botschaft zur Fastenzeit auch tut. Eros ist die Kraft, die mich einerseits
zu Gott hindrängt, aber genauso auch die Nähe des Menschen sucht. Eros
fordert Intimität.
Intimität und Eros werden oft gleichgesetzt mit Sexualität
bzw. auf sie reduziert. Richtiger ist es dagegen, festzustellen, dass
Intimität und Eros die Sexualität befreien von purer Sinnlichkeit und ihr
stattdessen Tiefe und Leidenschaft verleihen.
Die Gleichsetzung von Eros, Intimität und Sexualität führt
bei manchen dazu, dass sie aus Angst, Intimität und Eros aus ihrem Leben
verbannen. Sie könnten ja in etwas geraten, das mit Sexualität zu tun hat.
Ein Leben ohne Intimität und Eros aber wird fade. Bevor in
der griechischen Sage der Gott Eros auftaucht, herrscht das Chaos, das heißt
wörtlich: gähnende Leere.
Eros ist aber nicht nur eine zwischenmenschliche Kraft. Der
Papst sagt: „Gott liebt auch mit der Kraft des Eros.“ (Botschaft zur
Fastenzeit 2007).
Gott sucht unsere Nähe. Am Kreuz bettelt Gott selbst um
die Liebe seines Geschöpfes: Ihn dürstet nach der Liebe eines jeden von uns,
sagt der Papst.
So gesehen, geben wir mit unserem Eros, mit unserer Bewegung
hin zum Nächsten, mit unserem Geschenk der Nähe gleichsam dem göttlichen
Eros eine menschliche Gestalt, Hände, Füße, Augen und Mund. In unserer
Barmherzigkeit offenbart sich Gottes Barmherzigkeit.
Heute wird uns als ein Werk der Barmherzigkeit vorgestellt „Du
hast mit mir geteilt“.
Die Botschaft Jesu ist wie schon die Botschaft der
alttestamentlichen Propheten eine Option für die Armen. Gott steht auf der
Seite der Armen und nicht auf der Seite der 25% der Weltbevölkerung, die
sich vieles leisten kann.
Deshalb ist das Teilen für uns angesagt und es ist gut, dass
an diesem Sonntag die MISEREOR-Kollekte uns auf ihre Weise diese
Notwendigkeit bewusst macht. Es geht zwar vordergründig um Geld, inhaltlich
aber darum, dass die Armen teilhaben wollen an der Bildung, um gleiche
Chancen zu haben.
Mit den Menschen teilen, heißt aber nicht nur, ihnen etwas zu
geben, sondern auch ihre Nähe zu suchen. Vom hl. Franziskus wird ein
Ereignis berichtet, dass seine Lebenswende markierte: er begegnet einem
Aussätzigen. Statt ihm etwas Geld hinzuwerfen und dann eilig davon zu
reiten, hält er sein Pferd an, steigt ab und umarmt den Armen.
Wer die Nähe der Armen sucht, wird vielleicht lernen, die
Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten und auch neue Wege des
Miteinander-Glaubens von ihnen erfahren. Wenn wir heute etwa von „Bibel
teilen“ sprechen als einer Methode des Bibelgespräches, dann müssen wir
wissen, dass diese nicht in einer europäischen Universität erfunden wurde,
sondern in Südafrika, wo sich die Armen zusammenfanden, um über ihren
Glauben ins Gespräch zu kommen.
„Du hast mit mir geteilt“ – das meint nicht nur das Almosen.
Als Werk der Barmherzigkeit meint es, Du hast ein Stück Leben mit mir
geteilt, mich An-teil-nehmen lassen an Deinem Leben in ganz
unterschiedlicher Weise, Du hast mir Nähe geschenkt.
Vielleicht müssen sich so viele heute eine
Eisbären-Geschichte, ein Computerspiel oder ein Auto mit Knuddelfaktor
zulegen, weil niemand mehr Nähe mit ihnen teilt. Amen.
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