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Seit einigen Wochen besitze ich auch ein Navigationsgerät.
Das ist sehr praktisch besonders dort, wo man sich nicht auskennt. Man gibt
einfach die Adresse ein und eine freundliche Stimme lotst einen an den
richtigen Ort.
Im Johannes-Evangelium gibt es immer Ortsangaben, die mehr
bezeichnen wollen als einen Ort. „An dem Ort, wo man
ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten“ so endete eben die Passion nach
Johannes. Würde man seine Adresse ins Navigationsgerät geben, würde
man gewiss den Ort finden, aber am Wesentlichen vorbeifahren.
Die Geschichte der Menschheit beginnt auch in einem Garten,
aus dem die ersten Menschen schließlich vertrieben wurden, weil sie
gesündigt hatten.
Sünde ist, vor Gott verzweifelt man selbst sein wollen oder
vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen,
sagt der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard.
Die innerste Beziehung des Menschen zu Gott zerbrochen ist.
Gott ist nicht mehr der Gott des Lebens, der dem Menschen Leben und Freiheit
und Liebe schenkt, sondern Gott erscheint als Konkurrent, als Bedrohung, als
Feind, als der, der mir mit seiner Ordnung alle Freiheit nimmt.
Diese Beziehungslosigkeit produziert die Angst, „ich werde
nicht geliebt“, „ich bin ein Niemand“ und sie gebiert verzweifelte Versuche
der Selbstbestätigung und Selbstdarstellung: Hinter der schrecklichen Angst
vor Kritik, hinter zerstörerischem Leistungszwang, hinter Perfektionismus,
hinter Herrschaftsgelüsten, hinter Macht- und Geldgier stecken tiefste
Minderwertigkeitsgefühle. Die Sünde, die konkrete Tat, die daraus folgt, hat
verschiedene Namen.
Die Sünde entwickelt eine ungeheure Dynamik. Sie fängt zum
Beispiel an mit dem Neid auf den, der mehr geliebt ist als wir, der größer
ist als wir und der intelligenter und stärker ist als wir, und hört damit
auf, dass wir glauben, er wird uns Schaden zufügen, weshalb es nötig ist,
dass wir ihn beiseite schaffen – vielleicht nicht durch einen Mord, aber
zumindest durch Mobbing oder Rufmord. Aus der Geschichte der Menschheit
lernen wir, dass diese Eigendynamik der Sünde Konfliktsituationen zwischen
Völkern, Rassen und Nationen hervorbringen kann, die gefährlich und nicht
mehr aus der Welt zu schaffen sind.
Wir alle kennen die Dynamik der Sünde, die uns ergreifen
kann, so dass wir schließlich mit dem Apostel Paulus sagen können:
Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das
Böse, das ich nicht will. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann
bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde.
(Rom 7,19-20)
Das alles beginnt in dem einen Garten, den wir Paradies
nennen, und erreicht seinen Höhepunkt in dem Garten, von dem der Evangelist
Johannes spricht. Aber es ist nicht nur die Dynamik der Sünde, die wir bei
den Feinden Jesu beobachten von seinem ersten Auftreten an. Der Apostel
Petrus schreibt: Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz
des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die
Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. (1 Petr 2,24).
Wenn wir auf den
Gekreuzigten schauen, sehen wir die Tragödie des Menschengeschlechts. Wir
sehen die dunklen Seiten auch unseres eigenen Lebens. Wir sehen unsere
Sünden. Für den heiligen Ignatius von Loyola ist es ein wesentlicher
Teil seiner Exerzitien: Anschaulich sich
vorstellen, wie Christus unser Herr gegenwärtig und ans Kreuz geheftet ist,
und ein Zwiegespräch beginnen. Wie er als Schöpfer gekommen ist, um sich zum
Menschen zu machen, vom ewigen Leben zum zeitlichen Tod und so für meine
Sünden zu sterben. (Ignatius von Loyola
Exerzitienbuch Nr. 53).
Als wir am 1.Fastensonntag unseren Weg zu den Quellen des
Lebens begannen, haben wir die Teilnehmer des Gottesdienstes eingeladen,
nach vorne zu kommen und hier über dem Bottich mit Wasser ihre Hände zu
waschen – entsprechend dem Ruf im 51.Psalm: Wasch
meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde!
Das Wasser in dem Bottich symbolisiert also unsere Sünden.
Wenn wir gleich bei der Kreuzverehrung das Kreuz nicht erheben, sondern
dreimal ins Wasser senken – dann wollen wir damit anzeigen, was wir glauben:
Es geht bei Jesu Tod nicht um einen leiblichen Tod, wie er
täglich tausendfach geschieht. Hier stirbt der, der von sich sagt: „Ich bin
das Leben" (]oh 14, 6) Dieses Leben ist nicht irdisch und vergänglich,
sondern ewig. Für dieses Leben kann es nicht bloß darum gehen, einen Tod zu
erleiden, wie er jedem von uns bevorsteht, sondern um ein Vergehen und
Verwesen, das seiner einmaligen Lebendigkeit entspricht. Paulus sagt es so:
Gott „hat ihn, der von keiner Sünde wusste, zur Sünde gemacht" (2 Kor
5, 21). Jesus stirbt in das Gegenteil des Gottes hinein – in die Sünde.
Wer auf die Sünde schaut, sieht nur Verzweiflung,
Hoffnungslosigkeit und verschlossenes Tor zum Paradies. Wer auf das Kreuz
schaut, sieht die geöffnete Seite Jesu aus der – medizinisch nicht zu
erklären – Blut und auch etwas wie Wasser austritt. Das hat eine Bedeutung:
Wasser ist für den Evangelisten Johannes nicht nur ein Symbol des
natürlichen Lebens, es ist Zeichen der Taufe: Wenn jemand nicht aus
Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. (Joh
3,5) Taufe aber ist für die frühe Kirche der Abschluss einer großen
Lebenswende: die Abkehr vom Bösen, von der Sünde und die Hinwendung zum
lebendigen Gott, verbunden mit der Sündenvergebung.
So kann Paulus sagen: Wisst ihr denn
nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen
Tod getauft worden sind?
Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; (Röm
6,3-4a).
Taufe lässt uns Anteil haben am Schicksal Jesu: Unser
todverfallenes Dasein wird gewendet in die neue Sphäre des Lebens. Sie ist
Untertauchen, Ertrinken, Absterben des alten Menschen - Auftauchen,
Aufsteigen, Auferstehen des neuen Menschen zu einem neuen Leben im Geiste.
Angesichts unserer Sünde wollen wir heute das Absterben des
alten Menschen aushalten und am dritten Tag das Auferstehen und neue Leben
feiern. |