Elfenbeinplättchen auf dem Vierungsaltar

im Bonner Münster

© Bonner Münster / N. Bach

 

14. April 2006

KARFREITAG

Predigt von Stadtdechant und Münsterpfarrer Wilfried Schumacher

 

Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus

Joh 19,34

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Die Lesungen der Liturgie

  • Jes 52,13-53,12 | Hebr 4,14-16; 5,7-9 | Joh 18,1-19,4

Gebet vor dem Kreuz


Seit einigen Wochen besitze ich auch ein Navigationsgerät. Das ist sehr praktisch besonders dort, wo man sich nicht auskennt. Man gibt einfach die Adresse ein und eine freundliche Stimme lotst einen an den richtigen Ort.

Im Johannes-Evangelium gibt es immer Ortsangaben, die mehr bezeichnen wollen als einen Ort. „An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten“ so endete eben die Passion nach Johannes. Würde man seine Adresse ins Navigationsgerät geben, würde man gewiss den Ort finden, aber am Wesentlichen vorbeifahren.

 

Die Geschichte der Menschheit beginnt auch in einem Garten, aus dem die ersten Menschen schließlich vertrieben wurden, weil sie gesündigt hatten.

 

Sünde ist, vor Gott verzweifelt man selbst sein wollen oder vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen, sagt der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard.

Die innerste Beziehung des Menschen zu Gott zerbrochen ist. Gott ist nicht mehr der Gott des Lebens, der dem Menschen Leben und Freiheit und Liebe schenkt, sondern Gott erscheint als Konkurrent, als Bedrohung, als Feind, als der, der mir mit seiner Ordnung alle Freiheit nimmt.

 

Diese Beziehungslosigkeit produziert die Angst, „ich werde nicht geliebt“, „ich bin ein Niemand“ und sie gebiert verzweifelte Versuche der Selbstbestätigung und Selbstdarstellung: Hinter der schrecklichen Angst vor Kritik, hinter zerstörerischem Leistungszwang, hinter Perfektionismus, hinter Herrschaftsgelüsten, hinter Macht- und Geldgier stecken tiefste Minderwertigkeitsgefühle. Die Sünde, die konkrete Tat, die daraus folgt, hat verschiedene Namen.

 

Die Sünde entwickelt eine ungeheure Dynamik. Sie fängt zum Beispiel an mit dem Neid auf den, der mehr geliebt ist als wir, der größer ist als wir und der intelligenter und stärker ist als wir, und hört damit auf, dass wir glauben, er wird uns Schaden zufügen, weshalb es nötig ist, dass wir ihn beiseite schaffen – vielleicht nicht durch einen Mord, aber zumindest durch Mobbing oder Rufmord. Aus der Geschichte der Menschheit lernen wir, dass diese Eigendynamik der Sünde Konfliktsituationen zwischen Völkern, Rassen und Nationen hervorbringen kann, die gefährlich und nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind.

 

Wir alle kennen die Dynamik der Sünde, die uns ergreifen kann, so dass wir schließlich mit dem Apostel Paulus sagen können: Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.  Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die in mir wohnende Sünde. (Rom 7,19-20)

 

Das alles beginnt in dem einen Garten, den wir Paradies nennen, und erreicht seinen Höhepunkt in dem Garten, von dem der Evangelist Johannes spricht. Aber es ist nicht nur die Dynamik der Sünde, die wir bei den Feinden Jesu beobachten von seinem ersten Auftreten an. Der Apostel Petrus schreibt: Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. (1 Petr 2,24).

 

Wenn wir auf den Gekreuzigten schauen, sehen wir die Tragödie des Menschengeschlechts. Wir sehen die dunklen Seiten auch unseres eigenen Lebens. Wir sehen unsere Sünden. Für den heiligen Ignatius von Loyola ist es ein wesentlicher Teil seiner Exerzitien: Anschaulich sich vorstellen, wie Christus unser Herr gegenwärtig und ans Kreuz geheftet ist, und ein Zwiegespräch beginnen. Wie er als Schöpfer gekommen ist, um sich zum Menschen zu machen, vom ewigen Leben zum zeitlichen Tod und so für meine Sünden zu sterben. (Ignatius von Loyola Exerzitienbuch Nr. 53).

 

Als wir am 1.Fastensonntag unseren Weg zu den Quellen des Lebens begannen, haben wir die Teilnehmer des Gottesdienstes eingeladen, nach vorne zu kommen und hier über dem Bottich mit Wasser ihre Hände zu waschen – entsprechend dem Ruf im 51.Psalm: Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde!

 

Das Wasser in dem Bottich symbolisiert also unsere Sünden. Wenn wir gleich bei der Kreuzverehrung das Kreuz nicht erheben, sondern dreimal ins Wasser senken – dann wollen wir damit anzeigen, was wir glauben:

Es geht bei Jesu Tod nicht um einen leiblichen Tod, wie er täglich tausendfach geschieht. Hier stirbt der, der von sich sagt: „Ich bin das Leben" (]oh 14, 6) Dieses Leben ist nicht irdisch und vergänglich, sondern ewig. Für dieses Leben kann es nicht bloß darum gehen, einen Tod zu erleiden, wie er jedem von uns bevorsteht, sondern um ein Vergehen und Verwesen, das seiner einmaligen Lebendigkeit entspricht. Paulus sagt es so: Gott „hat ihn, der von keiner Sünde wusste, zur Sünde gemacht" (2 Kor 5, 21). Jesus stirbt in das Gegenteil des Gottes hinein – in die Sünde.

 

Wer auf die Sünde schaut, sieht nur Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und verschlossenes Tor zum Paradies. Wer auf das Kreuz schaut, sieht die geöffnete Seite Jesu aus der – medizinisch nicht zu erklären – Blut und auch etwas wie Wasser austritt. Das hat eine Bedeutung: Wasser ist für den Evangelisten Johannes nicht nur ein Symbol des natürlichen Lebens, es ist Zeichen der Taufe: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. (Joh 3,5) Taufe aber ist für die frühe Kirche der Abschluss einer großen Lebenswende: die Abkehr vom Bösen, von der Sünde und die Hinwendung zum lebendigen Gott, verbunden mit der Sündenvergebung.

 

So kann Paulus sagen: Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?

Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; (Röm 6,3-4a).

 

Taufe lässt uns Anteil haben am Schicksal Jesu: Unser todverfallenes Dasein wird gewendet in die neue Sphäre des Lebens. Sie ist Untertauchen, Ertrinken, Absterben des alten Menschen - Auftauchen, Aufsteigen, Auferstehen des neuen Menschen zu einem neuen Leben im Geiste.

 

Angesichts unserer Sünde wollen wir heute das Absterben des alten Menschen aushalten und am dritten Tag das Auferstehen und neue Leben feiern.

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