Elfenbeinplättchen auf dem Vierungsaltar

im Bonner Münster

© Bonner Münster / N. Bach

 

13. April 2006

GRÜNDONNERSTAG

Predigt von Stadtdechant und Münsterpfarrer Wilfried Schumacher

 

Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen

Joh 13,5

 

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Die Lesungen der Liturgie

  • Ex 12,1-8,11-14  |  L 2: 1 Kor 11,23-26 | Joh 13,1-15


Wasser ist zum waschen da, falleri und fallera, auch zum Zähne putzen kann man es benutzen, so sang man vor 50 Jahren und beschrieb ein gewiss wenig banal eine wichtige Wirkung des Wassers. Ohne Wasser können wir nicht leben. Wobei die Hochwasser-Opfer an der Elbe in der gegenwärtigen Situation das wohl etwas anders formulieren würden.

Inzwischen werden mehr Kriege ums Wasser als ums Öl geführt. Wer hat Zugang zu den Quellen, wer gräbt wem das Wasser ab? Inzwischen spricht man sogar von einem Menschenrecht auf Wasser und mit Sorge muss man in manchen Ländern beobachten, dass Großkonzerne sich in den Besitz der Quellen bringen und Wasser teuer verkaufen, was den Ärmsten die Versorgung erschwert, weil sie sich das, was sie zum Leben brauchen nicht leisten können. Es ist eine zugleich einfache und grausame Wahrheit: Wasser ist ein für den Menschen lebenswichtiger, gefährdeter und seltener Rohstoff.

 

Von all dem hat der hl. Franziskus nichts gewusst, der in seinem Sonnengesang singt:

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Schwester Wasser,
die sehr nützlich und demütig ist und kostbar und rein.

 

Nützlich und kostbar ist das Wasser für ihn. Da stimmen wir gewiss unumwunden zu. Rein kommt das Wasser zwar noch aus den Quellen, aber bevor es unseren Wasserhahn erreicht, muss es aufwändig gesäubert werden. Was aber bedeutet „demütig“? Das Wasser fließt immer abwärts, sucht sich immer den niedrigsten Platz, wo es sich sammelt. Für Franziskus ein Zeichen von Demut.

 

Das Wasser hat uns in dieser Fastenzeit begeleitet. Hier vorne stand ein Bottich mit Wasser und unser gemeinsamer Weg nach Ostern war überschrieben „Quellen des Lebens“.

 

Heute am Gründonnerstag begegnet uns wieder das Wasser bei einer Tat Jesu, die die Jünger damals sehr überrascht hat: Jesus, der Meister und Herr, verlässt seinen Platz am Tisch, um den Platz des Dieners einzunehmen. Der Meister selbst nimmt Wasser und wäscht seinen Jüngern die Füße. Demütig zeigt er, dass alle Worte über die „Liebe“ eingeholt werden müssen durch die Tat. Sonst bleiben sie hohl und leer, klingen wie „dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1).

 

Lieben geht nicht theoretisch. „Ich liebe dich“, das kann man nicht mal so einfach nur sagen. Das wissen alle, die es schon einmal gesagt und schon einmal gehört haben. Liebe, Freundschaft – das ist kein one-night-Stand, kein Versprechen für eine Nacht, das will sich beweisen im Alltag des Lebens.

 

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt, (Joh 15,13) das kann man sagen. Aber wenn diesem Wort keine Konkretion folgt, verfliegt es wie ein Staubkorn im Wind. Was es bedeutet versteht wohl niemand in dieser Stunde des Abendmahls. Es deutet sich an in diesem Tun des Herrn, der vor seinen Freunden kniet und ihnen die Füße wäscht.

 

Durch das Zeichen der Fußwaschung sagt uns Jesus sagt, worin für ihn die Liebe besteht, den Menschen zu dienen. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. ( Joh 13,34) Aus dieser Geste Jesu ergibt sich für ihn und alle die ihm folgen, ein neuer Lebensstil: »Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe« (Joh 13,15). 

 

Ein Gedanke, der in unserer „Ich-Gesellschaft“ völlig abwegig zu sein scheint. Der Vorteil des „Ego“ steht dort an erster Stelle. Was bringt mir das ein, was habe ich davon – so wird gefragt? Das größere Ganze eines Gemeinwesens wird nicht mehr gesehen. Erst recht nicht die Zukunft. Man sorgt sich um sich selbst und um die eigene Altersversorgung. Was braucht man da noch Kinder – sie könnten einen höchstens in der Lebensqualität einschränken. Eine Gesellschaft ohne Kinder bringt sich aber um ihre Zukunft.

Eine „Ich-Gesellschaft“ kennt das Wort „Dienen“ nicht. Deshalb haben wir ganz schnell ein Ersatzwort geschaffen „Dienstleistung“. Dahinter verbirgt sich ein „Dienst“, den man bezahlen muss. „Dienen“, das nur solange anhält, wie der Euro rollt.

 

Nun will ich nicht ganz so schwarz malen: gewiss gibt es Menschen unter uns, die einander dienen, oft still, unerkannt und unbemerkt. Noch immer gibt es – Gott sei Dank – Eltern, die ihr Elternsein auch als Dienst an ihren Kindern verstehen, Menschen, die nicht nach Geld fragen, wenn es gilt dem anderen einen Dienst zu tun. Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Einsatz ist nach wie vor gegeben.

 

Bei Johannes Paul II. fand ich eine sehr schöne Deutung der Fußwaschung: (Sie) deutet alle Werke der Liebe und der Barmherzigkeit an, die die Jünger Christi im Lauf der ganzen Geschichte tun werden, um Gemeinschaft unter den Menschen wachsen zu lassen.

 

Das bedeutet: dass meine, Ihre, unsere Liebe und Barmherzigkeit, die wir heute tun, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Ehrenamt oder wo auch immer schon in dieser Fußwaschung des Herrn abgebildet ist. Oder: dass der Herr mit mir in die Knie geht, wenn ich Liebe und Barmherzigkeit übe.

 

Liebe und Barmherzigkeit üben– das bedeutet konkret für die Verkäuferin drüben beim Kaufhof etwas anderes als für einen Rechtsanwältin oder einen Bankdirektor, für den Studenten etwas anderes als für den Rentner, für den Priester etwas anderes als für den Sozialarbeiter, für die Mutter etwas anderes als für den Junggesellen.

Anders schon, unterschiedlich je nach Lebenssituation – aber doch gleich, weil alles in der Fußwaschung des Herrn sein Vorbild hat.

 

Geheimnisvoll werden wir so hinein genommen in das Geschehen im Abendmahlsaal. Wenn wir unseren Brüdern und Schwestern dienen, entfernen wir uns auf keinen Fall von Gott, sondern im Gegenteil, er kniet an unserer Seite.

 

Es ist von daher nur allzu verständlich, wenn uns heute am Tag der Einsetzung der Eucharistie auch von der Fußwaschung berichtet wird – Gottesdienst und Menschendienst – beides sind Orte, an denen Christus selbst uns begegnet. Beides ist eine Quelle des Lebens.

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